Diskriminierung einer Sexarbeiterin beim Finanzamt

Dieser Text stammt von Aya Velazquez und ist zuerst auf ihrem Twitter-Account erschienen.

Post vom Finanzamt
Ich soll einen Fragebogen zu meiner Sexarbeit ausfüllen. Ich habe Fragen dazu und rufe an.

Habe das Aktenzeichen noch nicht zuende aufgesagt, da bricht am anderen Ende der Leitung schallendes Gelächter aus.

Ich: Darf ich fragen, warum Sie lachen?

Herr X aus dem Finanzamt: (kichert weiter) Ach, nur so.

Ich: Nur so? Was meinen Sie damit?

Herr X: (beruhigt sich langsam) Na, ich erinnere mich noch an den “Fall”.

Ich: Achja? Was ist denn der “Fall”?

Herr X: Uns im Finanzamt XY war bislang nicht bekannt, dass Sie einem Prostitutionsgewerbe nachgehen. Das hat uns soeben erst das Finanzamt YZ aus ihrem vorigen Wohnbezirk mitgeteilt.

Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass der offensichtliche Grund für die Belustigung von Herr X die Tatsache ist, dass er meinte, mich mit dieser Info “überführt” zu haben. Dass ich eigentlich Prostituierte bin, und mein Start-Up nur ein Feigenblatt.

Ich erkläre ihm, dass ich sowohl ein Start-up mit drei Mitarbeitern führe, als auch der Sexarbeit nachgehe.
2 Paar Schuhe also.

So langsam wird es stiller am anderen Ende der Leitung. Herr X wirkt plötzlich eingeschüchtert, und endlich sachlich.

Nachdem das Gespräch beendet ist, rufe ich in der Zentrale des Finanzamts an und lasse mich zum Vorgesetzten von Herrn X durchstellen.

Die Anrufweiterleitung funktioniert wie geschmiert. Nach nur drei Schaltstellen und fünf Minuten habe ich einen Verantwortlichen an der Strippe.

Ich melde den Fall als Diskriminierung seitens eines Behördenmitarbeiters. Diesmal ist die Stimmung ernst.

Ich führe an, dass es einen Antidiskriminierungsparagraphen gibt und ich als Sexarbeiterin einen sachlichen Umgang verdient habe. Es gibt ein #Recht auf Gleichbehandlung. Es kann nicht sein, dass ich im Telefongespräch von einem Finanzamt-Mitarbeiter ausgelacht werde.

Herr X’ Vorgesetzter gibt mir Recht und gibt zu, dass “so etwas” überhaupt nicht passieren dürfe.

Was er nun tun solle?

Ich sage ihm, mir sei wichtig, dass Herr X das erklärt bekommt, und das #Finanzamt seine Mitarbeiter für den Umgang mit Minderheiten sensibilisiert.

Am nächsten Tag bekomme ich einen Anruf von der Chefin des Finanzamts.

Ihr Mitarbeiter, Herr X sei von selbst zu ihr gekommen, sagt sie. Da sei ein Kundenkontakt nicht optimal gelaufen. Sie lässt sich den Fall noch einmal von mir schildern.

Es wird ein langes Gespräch.

Frau XYZ wirkt ehrlich betroffen. Sie meint, Prostitution sei doch etwas “total Normales” und sie hätten ganz andere Jobs in den Akten. Lachen am Telefon sei nicht akzeptabel. Sie bittet mich im Namen von Herr X um Entschuldigung und will mit ihm reden.

DAS ist groß!

Am Ende wird es ein über 30-minütiges Gespräch über das grundsätzliche Verhältnis zwischen Finanzamt und Bürgern – dem Souverän. Wir Steuerzahler seien die eigentlichen Arbeitgeber des Finanzamts, sage ich. Der Umgangston des Finanzamts spiegle das unzureichend.

Ich erzähle ihr, dass viele Menschen das Finanzamt als Bedrohung empfänden. Dass Briefe des Finanzamts, sogar bei Leuten, die nichts verbrochen haben und anständig ihre Steuern bezahlen, oft Panik auslösen.

Ob das denn wirklich so sein müsse?

Ob das Finanzamt sich nicht mal von einer guten PR-Agentur beraten lassen könnte, um die ganzen Schreiben serviceorientiert umzuformulieren?

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HIER findet ihr noch ein Interview von Aya dazu bei ze.tt

HIER: Infos zu Steuern für Sexarbeitende

Die Loverboy-Methode, Kernprobleme und echte und falsche Lösungsansätze

Dieser Text ist noch Work in Progress. Inhalte können noch verändert werden.

Mit dem Begriff „Loverboy“ werden Männer bezeichnet, die zumeist jungen Frauen eine Liebesbeziehung vorspielen und diese in ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis bringen. Die Abläufe sind immer wieder ähnlich. Es wird das Traumbild von einer gemeinsamen Zukunft aufgebaut. Die Frau wird von ihrer Familie und von den bisherigen Freunden isoliert, denn es zählt ja nur noch die gemeinsame Paarbeziehung. Mit der Loslösung aus den alten Kreisen nimmt die Fixierung auf den Partner zu.
Der weitere Verlauf verhält sich ähnlich des folgenden Szenarios. Kurz bevor der Traum vom gemeinsamen Leben perfekt wird kommt der vermeintliche Traumpartner mit dem ersten Schuldschein. Betroffenheit wird geheuchelt und dann Ausweglosigkeit und Verzweiflung. Oft erzählt der Loverboy, dass er alles versucht habe, um das Problem alleine zu lösen. Aber jetzt sei alles zu spät und er müsse ins Gefängnis, wenn er nicht endlich zahlen würde.
Die junge Frau will ihren Traum nicht aufgeben und möchte ihrem geliebten Partner helfen. Er macht den Vorschlag, dass sie ja vielleicht für kurze Zeit im Bordell eines flüchtigen Bekannten arbeiten könne. Natürlich nur so lange bis die Schulden beglichen sind. Die Beziehung der beiden ist emotional so auf die Zweisamkeit fixiert, dass die junge Frau oft die Arbeit im Bordell als wichtigen Beitrag für die gemeinsame Zukunft sieht, und man nicht von Zwang im klassischen Sinne sprechen kann. Das Blatt wendet sich allerdings schleichend, denn kurz bevor der erste Schuldschein abgezahlt ist, kommt der zweite und dann der dritte und so weiter. Irgendwann sind keine Schuldscheine mehr nötig, und die Frau muss jeden Tag eine bestimmte Summe Zuhause abliefern.
Die Loslösung aus diesem akkurat durchgeplanten Abhängigkeitsverhältnis ist sehr schwierig.

Kernprobleme der „Loverboy-Methode“ 1)

1. Fehlendes Opferbewusstsein
Die meisten Opfer haben aufgrund der emotionalen Bindung zum Täter kein Opferbewusstsein. Die Einwirkung des Täters wird nicht gesehen und die Prostitutionsaufnahme wird häufig als Freiwilligkeit betrachtet.

2. Angst
Dem Opfer wird vom Täter eingeredet, es sei schuld an der Drohung und/oder der Gewalt, weil es sich falsch verhalte. Auch wird Macht suggeriert, vor der vermeintlich sogar die Polizei nichts ausrichten kann.

3. Scham
Erkennen die „Loverboy“-Opfer irgendwann den „Betrug“, dann stellen sich meist Gefühle wie Schuld und Scham ein. Hilfsangebote von Beratungsstellen oder der Polizei werden deshalb nur sehr selten angenommen.

FAKTEN

Loverboys sind kein Massenphänomen
Es gibt einen Täter und ein Opfer. Die ganze Sache ist sehr langfristig angelegt.

Die Loverboy-Methode ist nicht legal
Es handelt sich dabei um sogenannte dirigistische Zuhälterei, welche laut § 181a StGB unter Strafe steht.

Was hilft nicht?

Die Freierbestrafung ist keine Lösung
Es ist davon auszugehen, dass es unter einem sogenannten Sexkaufverbot weniger Nachfrage nach erotischen Dienstleistungen gibt. Hier nun die Schlussfolgerung zu ziehen, dass sich das Geschäft dann für die „Zuhälter“ nicht mehr lohnen würde und diese somit von ihren kriminellen Machenschaften ablassen, ist realitätsfern.
Das Gegenteil wird passieren. Die Loverboys werden in dem schon bestehenden Abhängigkeitsverhältnis den Druck erhöhen. Um den gewohnte Geldfluss aufrecht zu erhalten,
wird die Frau länger und mehr arbeiten müssen und den Kunden (Freiern) gegen Aufpreis Praktiken anbieten müssen, die sie bisher abgelehnt hat.

Sexarbeitende arbeiten im Untergrund
Da Bordellbetriebe unter dem schwedischen Modell unmöglich oder verboten sind, arbeiten die Sexarbeitenden in Privatwohnungen, Hotels oder im Freien. Beratungsstellen aus Schweden beklagen, dass sie schwer Kontakt zu dem Sexarbeitenden aufbauen können, weil diese nur sehr aufwendig aufzufinden sind. So wird es für das geschulte Fachpersonal auch schwieriger Loverboy-Opfer zu erkennen.

Was kann man dagegen tun?

1. Der BesD verweist hierzu an Experten, die sich nicht nur aus dem persönlichen Focus heraus mit der Thematik beschäftigt haben oder betroffen sind, sondern Forschungen und Umfragen dazu durchgeführt haben: kok Koordinierungskreis gegen Menschenhandel
Wichtig ist dabei die strikte Trennung zwischen Menschenhandel und Sexarbeit, wie es in anderen Berufsgruppen auch vorgenommen wird.

2. Aufklärung in den Schulen. Eine Forderung des Berufsverbandes ist, dass speziell fortgebildete Sexarbeitende als Experten in den Schulen das Thema sexuelle Aufklärung übernehmen sollen. Dabei soll den Jugendlichen auch das Thema Loverboys nahe gebracht werden. Eine Zusammenarbeit mit Fachberatungsstellen ist dabei unabdingbar 2)
Wichtig ist der Hinweis:
Es ist nicht jedes Schulmädchen ein potentielles Opfer für Loverboys.
Sehr gezielt wird von den Loverboys nach den passenden jungen Frauen gesucht.

3. In vielen osteuropäischen Ländern gibt es Aufklärungskampagnen an Schulen oder in der russischen Hauptstadt, Moskau, breit gestreute Plakataktionen, um über die Loverboy-Methode aufzuklären. Hier sollte länderübergreifend zusammengearbeitet und Erfahrungen ausgetauscht werden.

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1) Auszüge aus:
Stellungnahme zur Vorlage 17/1796 im Rahmen der Öffentlichen Anhörung zur Entwicklung der sogenannten „Loverboy-Methode“ zur Erzwingung von Prostitution in Nordrhein-Westfalen
https://www.landtag.nrw.de/Dokumentenser…7-1676.pdf

2) Prostitution in Deutschland – Fachliche Betrachtung komplexer Herausforderungen (Link: http://www.stiftung-gssg.de/upload/Prost…Final.pdf)
Seite 24
„Dort, wo Fachberatungsstellen spezifische Unterstützung und Prävention anbieten, kann die Zielgruppe erreicht werden. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen kommen über die aufsuchende Arbeit in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen oder werden durch andere Prostituierte auf diese aufmerksam gemacht. Auch die Kooperation mit Multiplikator_innen der Schulen und der offenen Jugendarbeit bewährt sich (Leopold/Grieger 2004).

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HILFE

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (bundesweit, kostenfrei und anonym): 0800 22 55 530
Save me online (für Jugendliche): www.save-me-online.de
Juuuport (für Jugendliche):www.juuuport.de
Make it safe (für Jugendliche): www.make-it-safe.net
Jugend Support (für Jugendliche): www.jugend.support/
Bündnis gegen Cybermobbing: www.buendnis-gegen-cybermobbing.de
Elterninitiative für Loverboy-Opfer: www.die-elterninitiative.de

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LINKS

Tipps für online recherchierende Sexarbeitende gegen Cybergrooming und Loverboys
-> www.kaufmich.com/magazin/loverboys und cybergrooming

Broschüre des BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Seniorn, Frauen und Jugend)
„Miteinander statt nebeneinander – Schutz und Hilfen bei Handel mit und Ausbeutung von Kindern“
-> https://www.bmfsfj.de/blob/129878/558a1d…l-data.pdf

 

Nur eine freie, selbstbestimmte Sexarbeit schützt uns! Loverboys sind kein Massenphänomen

Gedanken einer Sexarbeiterin aus Berlin:
Wir sind Menschen, die in der Sexarbeit unsere Berufung gefunden haben. Unsere Tätigkeit ist so individuell verschieden wie wir selbst und unsere Kund_innen. Aber zwei Dinge haben wir alle gemeinsam: Wir sind selbstbestimmt und wir leisten einen wichtigen zwischenmenschlichen Beitrag in dieser Gesellschaft. Dass wir dafür entlohnt werden unterstreicht unsere Professionalisierung. Sexarbeiter_innen waren und sind Teil der Emanzipationsbewegung. Dafür stehen z. B. autonome Einrichtungen wie Hydra e.V. seit 1980.Die Legalisierung und zivilgesellschaftliche Partizipation freier Sexarbeiter_innen muss ein Bestandteil einer freien Gesellschaft bleiben. Wir verfolgen mit verantwortungsbewusstem Ethos unseren Beruf. Sexarbeiter_innen hat es zu allen Zeiten gegeben. In der Vergangenheit wurden wir nicht selten an den Rand der Gesellschaft gestellt. Und doch gab es zu allen Zeiten durchaus selbstbestimmte Menschen in dem, was wir Sexarbeit nennen.Mit großer Befürchtung beobachten wir jetzt die zunehmende Diskriminierung und Ausgrenzung unserer Kolleg_innen im Jahre zwei nach dem Prostituiertenschutzgesetz.
Wer schützt uns?
Wir fühlen uns durch eine sehr tendenzielle klischeehafte Berichterstattung und einem uns gegenüber feindlich gesonnen Aktivismus betimmter feministischer Richtungen verunglimpft. Sexarbeit wird mit körperlicher Ausbeutung assoziiert und sogar in eine direkte historische Linie mit Sklavenhandel 1) gebracht. Wir verurteilen diese verhöhnende, geschichtsfälschende und menschenfeindliche Perspektive. Opfer von Gewalt und Menschenhandel können keine freien Sexarbeiter_innen sein. Freie Sexarbeit findet in einem Konsens zwischen zwei mündigen, gleichberechtigten Menschen statt. Kommunikation ist das wesentliche Stilmittel freier Sexarbeit und die Basis auf der sich jede Form von Erotik und Nähe entfalten kann. Wir verkaufen nicht unseren Körper sondern bieten eine Dienstleistung an im Rahmen unserer (sexuellen) Selbstbestimmung!Menschenhandel in jeder Form bedeutet keine freie Sexarbeit. In den letzten Monaten ist besonders mit dem Begriff „Loverboy“ ein weiteres düsteres Kapitel in den Vordergrund der Berichterstattung gespielt worden.
Wir sagen ‘Nein!’ zu Loverboys!
Weder Loverboys, d.h. Männer, die zumeist jungen Frauen eine Liebesbeziehung vorspielen um diese im Rahmen eines emotionalen Abhängigkeitsverhältnis in die Prostitution/Sexarbeit zu bringen.
Die Abläufe bei der sog. Loverboy-Methode sind immer wieder ähnlich. Es wird das Traumbild einer individuellen rosigen Zukunft der Opfer aufgebaut mit der diese eingefangen und gefügig gemacht werden. Das Opfer wird von ihrer Familie und von den bisherigen Freunden isoliert oder das engste Umfeld spielt sogar die Triebfeder und treibt das Opfer vor sich her. Die Loslösung aus einem perfide durchdeklinierten Abhängigkeitsverhältnis ist sehr schwierig.Wir veruteilen, diese Machenschaften. Es handelt sich nicht um freie Sexarbeit.

Freien Sexarbeiter_innen sind mündig und selbstbestimmt.
Und wir gehen hier auch davon aus, dass wir nicht in der Minderzahl sind, so wie es die Prostitutionsgegner_innen gerne sehen und oft verbreiten.
Die Beispielgeber der Antiprostitutionslobby scheuen einen offenen Diskurs mit uns. Wie kann man sich für die Grundrechte einsetzen, wenn es schon an der Artikulation und dem Austausch von Argumenten mangelt? Wir sehen uns hier, auch in Anbetracht des neuen parlamentarischen Arbeitskreises “Prostitution überwinden” für die Einführung eines sogenannten “Nordischen Modells”, dass Freier per se unter Strafe stellt, bevormundet und in voremanzipierte Zeiten katapultiert.
Es wird hier nicht mit uns gesprochen sondern über uns.
Und das ganze zwei Jahre nachdem dieselbe Regierung erst ein neues Gesetz verabschiedet hat.
Mit Sorge betrachten wir die eventuellen Folgen für unseren Berufsstand: Warum bekämpft Ihr uns und arbeitet nicht gegen Menschenhändler_innen?

Ansätze für freie Sexarbeit:

1. Strikte Trennung der Themenbereiche Menschenhandel und Sexarbeit.

2. Entstigmatisierung statt Kriminalisierung.
Sexarbeit in Abgrenzung zu Menschenhandel soll weiterhin nicht verfolgt, sondern als Bestandteil dieser Gesellschaft geachtet werden.

3. Rechte statt Verbote
Kein Sondergesetze, sondern Normalität über Arbeitsrechte wie in anderen Berufen auch

4. Entkriminalisierung der kompletten Sexarbeit – nicht Bestrafung unserer Kunden und Einnahmequelle

Dass Sexarbeit frei und selbstbestimmt in unserer Gesellschaft stattfinden darf muss der gesamtgesellschaftliche Minimalkonsens sein. Freier sollen straffrei bleiben!


1)   Quellen zum Thema Sklaverei und Sexarbeit:

“White Slavery”– ein Begriff mit problematischen Implikationen
https://menschenhandelheute.net/2011/10/12/white-slavery-%e2%80%93-ein-begriff-mit-problematischen-implikationen/

„Moderne Sklaverei“ als Begriff in der Öffentlichkeitsarbeit im Kampf gegen Menschenhandel
https://menschenhandelheute.net/2014/12/12/moderne-sklaverei-als-begriff-in-der-offentlichkeitsarbeit-im-kampf-gegen-menschenhandel/

 

Das Schwedische Modell: Mythen & Faktencheck

Mythos: „Das Schwedische Modell ist wichtig im Kampf gegen Menschenhandel.“

Fakt:

  • Kein Rückgang der Sexarbeit in Schweden, Verlagerung in den Untergrund
  • Kein Rückgang des Menschenhandels in Schweden
  • Erhöhte Gefahren für Sexarbeiter*innen
  • Verschlechterungen der Lebensbedingungen für Sexarbeiter*innen
  • Einschränkung der Grund- und Arbeitsrechte von Sexarbeiter*innen

Mythos: „Das Schwedische Modell hilft Prostituierten und schadet nur Freiern.“

Fakt:

  • Verstärkter Wettbewerb durch weniger Kunden führt zu niedrigeren Einkommen
  • Arbeiten unter riskanteren Bedingungen erhöht Gefahr von Gewalt und Ausbeutung
  • Angst vor Polizei und Verdrängung in die Illegalität behindern hilfesuchende Sexarbeitende.
  • Hilfeleistungen wie gegenseitiger Schutz oder gemeinsames Arbeiten unter Sexarbeitenden ist in Schweden illegal
  • Partner und erwachsene Kinder von Sexarbeitenden können mit dem Vorwurf der Zuhälterei belangt werden
  • Sexarbeiter*innen können das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren
  • Die Wohnungen und Grundstücke von Sexarbeiter*innen können zwangsgeräumt werden

Mythos: „Prostitution ist Gewalt gegen Frauen.“

Fakt:

  • Es besteht eine klare Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel / sexueller Ausbeutung / sexueller Gewalt
  • Sexuelle Handlungen ohne freiwillige Zustimmung stellen bereits heute eine Strafttat da, das Grundgesetz gilt auch für Sexarbeiter*innen
  • Die Handlungsfähigkeit und Kompetenz von Erwachsenen, die einvernehmliche Sexarbeit betreiben, muss anerkannt und respektiert werden
  • Auch negative Lebens-Umstände machen die Fähigkeit eines Menschen, Entscheidungen über sein eigenes Leben zu treffen, nicht zunichte
  • Die Zusammenführung von Menschenhandel und Sexarbeit wird durch eine moralische Agenda angetrieben, die mit vereinfachten Bildern und Narrativen, z.B. dem stereotypen Bild der Opfers, arbeitet und einfache Lösungen für komplexe Probleme anbietet

Unser Leben – unsere Entscheidung! Sexarbeitsverbot und das Patriarchat.

Ein persönlicher Beitrag von BesD-Mitglied und Sexarbeiter Dennis

Ich bin Dennis, Mitte 20 und arbeite als schwuler Escort in Berlin. Seit knapp einem Jahr bin ich Mitglied im Berufsverband und verfolge die Debatte, wie Sexarbeitende darum kämpfen, dass ihre Arbeit als Arbeit anerkannt wird. Wie sie darum kämpfen, überhaupt existieren zu dürfen.

Stimmen in der SPD fordern ein Prostitutionsverbot. Genau genommen fordern sie ein  Verbot der Nachfrage. Es darf keine Nachfrage nach Sexarbeit mehr geben, denn Sexarbeit sei per se Vergewaltigung. Und wenn es keine Nachfrage gäbe, gäbe es auch kein Angebot mehr – das ist die Logik hinter dem sogenannten “Schwedischen Modell”.

Diese Logik ist kaputt. Die Nachfrage nach Sexarbeit ist in Schweden selbstverständlich nicht verschwunden – obwohl die Freierbestrafung dort vor mittlerweile über  20 Jahren eingeführt wurde. Es gibt noch immer Sexarbeit in Schweden. Es gibt Menschen, die Sexarbeit anbieten und es existiert auch die Nachfrage danach. Das Schwedische Modell hat dafür gesorgt, dass Sexarbeit in den Untergrund gedrängt wurde. Sie wurde weniger sichtbar, aber sie verschwand nie. Was tatsächlich eintrat: Für die Sexarbeiter*innen wurde es gefährlicher.

Wer von den fatalen Auswirkungen der Kriminalisierung von Sexarbeit nichts zu wissen vorgibt, hat sich entweder nie mit dem Thema beschäftigt, oder ist offen ignorant. Zumindest bei Leni Breymeier, Maria Noichl und Alice Schwarzer befürchte ich letzteres.

In der schwulen Szene ist Sexarbeit sehr verbreitet. Schwule Dating-Plattformen sind voll von “Taschengeld”-Nachfragen und Angeboten. Die rechtliche Definition von Sexarbeit umfasst jede Gegenleistung für Sex. Jede Übernachtung, jedes ausgegebene Essen, jedes Geschenk. Seitdem ich das weiß, ist mir klar, dass ich faktisch schon viel länger Sexarbeit mache, als ich dachte. Zum Beispiel, indem ich schwule Datingplattformen auch zur Reiseunterkunft-Suche genutzt habe. Indem ich seit Jahren immer wieder einen Schlafplatz gegen Sex getauscht habe. Darüber spricht aber niemand. Niemand regt sich darüber auf. Niemand fordert laut ein Verbot von derartigen Praktiken. Sie sind einfach so weit verbreitet in der schwulen Szene, dass eine solche Forderung einem Verbot der schwulen Szene nahe käme. Das trauen sie sich aber dann doch nicht. Die Szene ist zu sichtbar und zu mächtig geworden.

Die Forderung nach einem Sexarbeitsverbot konzentriert sich auf Frauen. Und ganz schnell wird es paternalistisch. Man will den sexarbeitenden Frauen erklären, dass sie geschützt werden müssen. Wenn nötig, gegen ihren Willen. Dass die, die ein Sexarbeitsverbot fordern, eigentlich viel besser wissen was den Sexarbeitenden gut tut, als die Sexarbeitenden selbst. Andere wissen besser, was Frauen wollen (müssen), als diese selbst. Diese strukturelle Bevormundung hat schon einen Namen: Patriarchat. Wer ein Sexarbeitsverbot medial als “Befreiung” verkauft, lügt. Freiheit wird nicht geschaffen, indem Menschen vorgeschrieben wird, was sie tun müssen oder nicht tun dürfen.

Ja, es gibt viele Sexarbeitende, die lieber einen anderen Job hätten. Ja, es gibt in der Sexarbeit Ausbeutung. Ja, das ist ein riesiges Problem. Aber Menschen in schwierigen Verhältnissen wird am besten geholfen, indem man ihnen mehr Rechte zugesteht. Das fängt bei einer Arbeitserlaubnis, Sozialleistungen und Schutz vor Abschiebung an und geht mit dem Angebot von echten Alternativen weiter. Wer als Teil einer ohnehin marginalisierten Gruppe nicht mehr als Sexarbeiter*in arbeiten darf, wird oft der in Anbetracht der Realität besten Möglichkeit beraubt, genug Geld verdienen zu können. Jedes platte “Sexarbeit ist Ausbeutung!” verstärkt das Stigma gegen Sexarbeit. Jede neue Forderung nach (direktem oder indirektem) Verbot von Sexarbeit, macht es für Sexarbeitende schwieriger einen anderen Job zu finden. Es ist absurd, die Freiheit für Sexarbeitende zu fordern – und ihnen dabei das Leben schwerer zu machen.

Die meisten Sexarbeiter*innen, die ich kenne, kamen zu diesem Job aus der finanziellen Not heraus. So auch ich. “Fuck! Ich kann meine Miete nicht bezahlen. Ich muss dringend Geld verdienen.” Und Sexarbeit ist für viele von uns eine Möglichkeit, genau das zu tun: Geld zu verdienen. Der Grund, warum die absolute Mehrzahl der Menschen einen Job haben: Um Geld zu verdienen.

Die Sexarbeitsbewegung fordert die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit. Der BesD fordert mehr Rechte und weniger Stigma für Sexarbeitende. Dass das sinnvoll wäre und seit Jahren von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International bestätigt wird, wissen alle, die an der Debatte teilnehmen.  Doch ich glaube, den Befürworter*innen des Schwedischen Modells geht es nicht um den “Schutz” von Sexarbeitenden und ihr Problem liegt auch nicht primär darin, dass es sich um Arbeit handelt.

Ich beginne zu glauben, das Hauptproblem dieser Menschen besteht darin, dass andere frei über ihr eigenes (Sex-)Leben entscheiden wollen. Dass wir selber entscheiden, wie wir leben und mit wem wir Sex haben und unter welchen Bedingungen. Wenn eine dieser Bedingungen Geld ist – so what?!

Die schwule Szene hat lange diesen Kampf um persönliche Rechte geführt. Heute ist es relativ akzeptiert, schwul zu sein. Es ist weitgehend okay, dass Männer auch mit Männern Sex haben. Yay! Es ist an der Zeit, dass wir als Gesellschaft auch Frauen zugestehen, Sex zu haben. Mit wem, wann und wie sie wollen. Ihnen nicht mehr vorschreiben, wie sie Sex haben dürfen. Wenn sie es gegen Geld machen, ist das allein ihre Entscheidung. Und nur ihre. Die Zeiten, in denen Frauen den Männern untergeordnet waren, sind vorbei.

Das Recht auf Sexarbeit – ein feministischer Anspruch

Dieser Text wurde von der Berliner Sexarbeiterin Fräulein Angelina verfasst. 

Die Frauenbewegung bewegt seit Jahrzehnten viele und vieles. Erfolge konnten verzeichnet werden. Und gleichwohl steht es um das Wohl der gleichberechtigten Gesellschaft noch nicht so gut, wie es wünschenswert wäre. Daher braucht es nach wie vor den Blick des Feminismus, den Drang, weibliche Belange vorwärts zu treiben. Denn das Patriarchat ist träge und zäh und tief in Köpfen, Konventionen und dem Konservatismus verankert, und das dauert. Außerdem ist da die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Und der ständige Wandel. Es werden Teilziele erreicht. Ein Grund zur Freude, aber kein Anlass aufzuhören mit dem Drängen und Treiben. Doch die Leit- und auch die Feindbilder müssen auf dem Weg immer wieder aufs Neue überprüft werden.

Wo wir uns einst von vorgeschriebenen Schönheitsidealen trennen mussten, mit der Forderung, auch Hosen und flache Schuhe tragen zu dürfen, wie es uns beliebt, wo ein wichtiger Schritt war, Abstand von dem zu bekommen, was Symbole der Unterdrückung waren, so sind wir mittlerweile an einem Punktwo wir uns auch wieder dieser Symbole bemächtigen können – sofern wir das möchten. Aus einem gesellschaftlichen Druck wurde eine Bewegung, die zum Ziel hatte, kollektiv die Frau vom Zwang zu befreien, damit sie individuell ihre Wahl und Entscheidung treffen kann. 

Kein Zwang, eine Hausfrau und Mutter zu werden, sondern die Entscheidungsfreiheit, diese Rollen abzulehnen – oder für sich zu wählen. Wir haben lernen müssen, dass auch Feministinnen unfeministisch werden können, wenn sie ihrem Blickwinkel kein Update gönnen. Nicht die Mutterrolle ist das Problem, sondern wer sie bestimmt.

Genauso verhält es sich mit jeglichen anderen Entscheidungen bezüglich des individuellen Lebenskonzepts mit all seinen Details. Die angestrebte Freiheit besteht nicht darin, ins Gegenteil zu kippen und nun das Gegenteil und nichts als dieses zu propagieren. Das kann allerhöchstens ein Zwischenschritt sein. Ja, es gibt Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Arbeit. Zwischen verschiedenen Dienstleistungen. Sexarbeit ist eine Dienstleistung gegen Geld. Für die Möglichkeit zur Wahl hat die Frauenbewegung gekämpft. Wir können und sollten uns freuen, dass es für Mädchen und Frauen nicht mehr nur einen akzeptablen Werdegang gibt, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich selbst zu entfalten und die Gesellschaft mitzuprägen. Der feministische Anspruch muss sein, Frauen in keinem Falle für das Nutzen ihrer Freiheit zu diskriminieren, auch und gerade bezüglich ihrer Berufswahl. 

Manchmal werden wir dennoch wieder von konservativen Erwartungen und den noch immer bestehenden patriarchalischen Mechanismen zurückgehalten oder zumindest verunsichert. Es ist längst nicht perfekt. Deshalb ist der Feminismus nach wie vor aktuell und notwendig, und besonders wichtig ist es, ihn zu überprüfen, gerade wenn es um Rollen und Berufe geht, die traditionell als „unfeministisch“ betrachtet wurden. „Unfeministisch“ ist lediglich, wer Frauen abzusprechen versucht, den Beruf oder die Rolle ihrer Wahl auszuüben oder sie für ihre Wahl verurteilt und diskriminiert.

Die juten Sitten: Goldene Zwanziger. Dreckige Wahrheiten – Eine Rezension

Dieser Text stammt aus der Feder von Fabienne, aktive Sexarbeiterin und Vorstandsmitglied des BesD.

Anna Basener, Autorin des gefeierten Romans “Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte”, hat es wieder getan:  Mit ihrem Hörspiel “Die juten Sitten” nimmt sie uns mit auf eine Zeitreise in das wilde Berlin der 20er Jahre. Wir treffen Anita Berber, Magnus Hirschfeld, bekommen einen Geschmack der Epoche. Ihre wahren Heldinnen sind jedoch vor allem die Frauen, die sich in Berlins Halbwelt mit einem kleinen Betrieb durchschlagen.

Protagonistin Hedi sitzt in den 50er Jahren im Todestrakt eines Gefängnisses in Hollywood. Sie hat einen Mann umgebracht, scheinbar ohne Grund, warum, will sie nicht sagen. Aber dem Journalisten vor ihr will sie eine andere Geschichte erzählen –   von ihrer Kindheit in Berlin, von (Wahl-)Familie, den Tragödien der Liebe, des Lebens und der Lust.

Hier könnt ihr mal reinhören: Zum Trailer von “Die juten Sitten”

Basener schafft hier wieder das, was viele andere Autor*innen nicht schaffen: Sie nimmt uns mit in den Alltag der Huren, ganz ohne Sensationalismus. Denn Hedi ist im Bordell aufgewachsen, in der “Ritze”, einem kleinen, selbständigem Betrieb in der Mulackstrasse. Ihre Grossmutter leitete den Laden, und betrieb eine kleine Gaststätte. Im Obergeschoss vermietete sie Hurenstuben, unter anderem an Colette – “die schönste Hure Berlins” – und die Domina Natalia.

Wir Hörer*innen werden eingeladen,  den Figuren in ihr “verruchtes” Treiben zu folgen. Und dann, ganz nebenbei, werden die Huren menschlich. Ihre Arbeit und Motivationen nachvollziehbar. Moralische Zeigefinger sucht man in “Die juten Sitten” vergeblich. Stattdessen gibt es gut recherchierte authentische Einblicke in den  Hurenalltag des historischen Berlins. Von der ersten Legalisierung 1927, über polizeiliche und behördliche Korruption bis hin zum herzenswarmen Pragmatismus der Huren.

Ich wünschte mir, jede Autorin, die fiktional über Sexarbeit schreibt, würde sich ein großes Beispiel an Anna Baseners Arbeit nehmen: Ihre Figuren besitzen Tiefe, sind zwiespältig, entwickeln sich. Die tiefgehende Hintergrundrecherche setzt vorurteilsfrei den Rahmen für eine spannende und  tiefsinnige Geschichte (hier geht es zum Audible-Hörbuch auf Amazon).

Ich für meinen Teil nehme mir ein Beispiel an Natalias Trinkspruch und hebe mein Glas: “Auf die Frauen!”

RED UMBRELLA STRUGGLES – Eine internationale Kunstausstellung zum Thema Sexarbeit

Dieser Beitrag stammt aus dem Blog von BesD-Mitglied Ruby, die im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „Red Umbrella Struggles” als Sprecherin eingeladen war. Die Ausstellung ist noch bis 23. Juni diesen Jahres im Edith-Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg zu sehen. 

Vor einigen Monaten las ich im Forum des Berufsverbandes eine Anfrage, wo nach einer Referent*in gesucht wurde, die anlässlich einer Gruppenausstellung mit internationaler Beteiligung bereit wäre, einen Input zum Thema Sexarbeit zu geben.

Nach einem total interessanten Telefonat mit Herrn Blum, der für die Städtischen Museen in Oldenburg tätig ist, entschied ich mich dazu, teilzunehmen.

Ich hatte nur sehr nebelhafte Vorstellungen davon, was mich erwarten würde. Medienkunst, Installationen, kollaborative Arbeitsweise, die Verbindung von Sexarbeit und Kunst, das klang alles irgendwie spannend, mir fehlte aber komplett eine Idee, wie das gelingen könnte und ja, ich war auch skeptisch, ob das irgendwie hochtrabend oder überkandidelt sein würde.

Als ich gestern die Ausstellung vor der Veranstaltung besuchte, kam es ganz anders. Die Ausstellung macht mich stolz, stolz auf meine Arbeit, stolz auf die Hurenbewegung und stolz auf die Künstler*innen, die sich getraut haben, mal genauer hinzuschauen.

Die Arbeiten sind meist Kollaborationen zwischen SexWorkern und Künstler*innen. Petra Bauer, die Stipendiatin des Edith-Russ-Haus für Mendienkunst ist, hat mit SCOT-PEP, der schottischen Sexworkergewerkschaft eine Installation geschaffen. Über zwei Leinwänden hängt das wunderbare Banner von SCOT-PEP, also direkt vor der Nase von jedem Besucher der Ausstellung.

Das Banner ruft zur Einheit der SexWorker auf. Petra Bauer hat zwei Leinwände dazu gruppiert, auf der einen wird historisches Filmmaterial gezeigt: zum einen die Besetzung der Kirche 1975 in Lyon von 200 Sexarbeiterinnen von Carole Roussopoulos mit Les Prostituées de Lyon Parlent sowie der Film von Chantal Akermans Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles, die die Sexarbeiterin Jeanne in ihrem Alltag zeigt.

Auf der anderen großen Leinwand zeigt die Schwedin Petra Bauer ihren Film WORKERS!, in dem Angehörige von SCOT-PEP einen Tag lang den schottischen Gewerkschaftskongress für ihre Arbeit nutzen. Die Aneignung dieses offiziellen Gebäudes macht sofort den Anspruch der Organisation klar, nämlich die Rechte von Sexarbeitenden auf Augenhöhe mit anderen Arbeiter*innen zu verteidigen. Manche Akteur*innen wollen unerkannt bleiben, andere schützen ihre Gesichter mit dem roten Regenschirm, manche zeigen sich der Kamera komplett. Petra Bauers Film ist sehr nah dran und schafft durch die Kameraführung das Gefühl, Teil der Versammlung zu sein.

Zwischen den beiden Leinwänden ist ein Seminartisch aufgestellt worden mit aktueller Literatur und Pads zur Hurenbewegung. Es lädt ein, sich an den Tisch zu setzen und ins Thema einzusteigen.

5 weitere Arbeiten werden in der Ausstellung gezeigt. Besonders spannend für mich war dabei der slowenische Künstler Tadej Pogačar, der 2001 auf der Biennale von Venedig einen Pavillon für den ersten Weltkongress der Sexarbeitenden nutzte, aus dem dann auch der RED UMBRELLA MARCH resultierte. Von diesem Zeitpunkt an war der rote Regenschirm fest als das Symbol unserer Bewegung installiert. Es folgten weitere Aktionen bis heute. Der Oberbegriff für diese Installationen ist CODE:RED, unter diesem Titel begann Tadej Pogačar 1999 sein partizipatorisches Langzeit-Projekt, das eine Art Plattform für Expert*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Sexarbeiter*innen darstellt. Es gab CODE:RED-Beiträge in Zagreb, Bangkok, Madrid und Sao Paolo. In Brasilien gab es die Aktion mit dem Modelabel DASPU, das eine Kollektion von Sexarbeitenden entwerfen und präsentieren ließ. Zusammengearbeitet hat Pogačar dort mit Davida, einer brasilianischen NGO, die sich mit den Rechten von Sexarbeitenden befasst.

Neben der spannenden Ausstellung hatten wir eine absolut anregende Diskussion. Doro von Phönix e.V. und ihre Kollegin und ich unterstützen den Rundgang durch die Ausstellung mit Einwürfen, Ergänzungen und Anmerkungen. Bei dem schon vorgestellten Werk von Petra Bauer kam mir natürlich gleich der Hurenkongress in den Sinn, wo wir ja auch ein etabliertes Gebäude zwei Tage lang für unsere Themen mit Beschlag belegten, und bei CODE:RED kam dann auch das Schwarmkunstprojekt STRICH:CODE:MOVE zu Wort. Wir haben uns mit den Veranstaltungsbesuchern über Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen unterhalten, über das allgegenwärtige Stigma, die Situation mit dem ProstSchG und unsere Vernetzung in der Bewegung.

Eine Dame warf manchmal stark aggressiv immer wieder Zitate von Alice Schwarzer ein, fragte mich, was den Sex für mich persönlich sei und wie ich es wagen könne, für Frischfleisch, Menschenhandel und die Frau als Ware ganz andere Sichtweisen und Perspektiven zu haben. Es ging also hoch her. Mich hat das Publikum begeistert, das sehr rege mitdiskutiert hat. Die Besucher*innen bleiben immer reflektiert, und interessiert. Sie wollten Zusammenhänge besser verstehen und konnten auch für Außenstehende schwierige Zusammenhänge gut aushalten.

Solche Veranstaltungen nutzen uns, glaube ich, viel mehr als irgendwelche Schlagzeilen in den Massenmedien. Es war ein grandioser Abend mitten in der norddeutschen Provinz und ich habe viele Anregungen für meinen eigenen Aktivismus mitgegangen. In diesen tristen Zeiten ein echter Lichtblick!

Danke an das Edith-Russ-Haus für Medienkunst, das Team vor Ort und an die Kolleg*innen von Phönix e.V.

Stille Heldinnen: In Nazi-Deutschland retteten Prostituierte verfolgte Juden

Dieser Beitrag wurde von unserem Mitglied Susi recherchiert und erstellt. Er ist am 28. Februar 2019 im kaufmich-Magazin erschienen.

Wenig ist bekannt über die Rolle, die Prostituierte im Deutschen Widerstand spielten. Wie konnte es sein, daß Frauen, selbst diskriminiert und kriminalisiert, bereit waren, unter Einsatz ihres Lebens anderen Menschen zu helfen? Es sind stille Heldinnen.

Eine fast unbekannte Geschichte

In diesem Beitrag geht es um eine fast unbekannte Geschichte über die „stillen Heldinnen“, deren Lebensleistung bis heute kaum bekannt und anerkannt ist. Sie heißen Hedwig Porschütz, Dora, Mary und Muttchen, Fräulein Schmidt und Charlotte Erxleben, die eines eint. Sie sind allesamt Prostituierte gewesen und haben als berühmte Huren deshalb Platz im Magazin. Ich habe mich auf die Suche nach diesen stillen Heldinnen gemacht und stelle euch einige vor. Leider gibt die Quellenlage nicht viel her, denn die meisten Helfer und Helferinnen sind nach 1945 verstummt, die meisten Zeitzeugen inzwischen verstorben.

Der deutsche Widerstand gegen das Nazi-Regime ist ziemlich gut erforscht. Menschen leisteten aus unterschiedlichen Gründen Widerstand und setzten damit ihr eigenes Leben aufs Spiel. Einige handelten aus Christenpflicht, andere weil sie pazifistisch oder patriotisch waren. Andere verfolgten auch selbstsüchtige Motive. Menschlichkeit und Solidarität zeichnete sie alle aus. Die meisten Helfer und Helferinnen stammten aus einfachen Verhältnissen.

Holocaust bei vielen jungen Deutschen unbekannt

Berühmt ist immerhin der Retter Oskar Schindler durch die Oskar prämierte Verfilmung von „Schindlers Liste“, ein Film, der eigentlich Bestandteil jeden Schulunterrichts sein sollte. Immerhin, so zeigen aktuelle Umfragen, ist der Holocaust bei 40% der jungen Deutschen nahezu unbekannt!

Zum Widerstand gehörten nicht nur das Schreiben und Verteilen von Flugblättern und spektakuläre Attentatsversuche, sondern die Arbeit der „stillen Helden“. Sie organisierten Verstecke, Lebensmittel und gefälschte Papiere, und ermöglichten Menschen das Leben im Untergrund und damit ihr Überleben.

Nach 1945 wurde die Rettung verfolgter Juden kaum als Widerstandshandlung anerkannt. Auch weil die meisten Helfer schwiegen. Im Jahr 1958 wandelte sich das Blatt und der Westberliner Innensenator Joachim Lipschitz (SPD) begann mit der Ehrung solcher „unbesungenen Helden“. Etwa 1500 von ihnen stellten Anträge. Mehr als die Hälfte wurde abgelehnt. Jene, die anerkannt wurden, erhielten eine Ehrung und eine kleine finanzielle Zuwendung.

Die stille Heldin Hedwig Porschütz

Auch von Hedwig Porschütz wurde der Antrag abgelehnt. Viel ist über diese Frau nicht bekannt, es gibt auch kein Foto von ihr. Hedwig Porschütz war verheiratet und arbeitete als Stenotypistin, später in der Blindenwerkstatt Otto Weidt am Hackeschen Markt in Berlin. Zuvor war sie jedoch arbeitslos geworden und und arbeitete eine Zeitlang als Prostituierte, was ihr später zum Verhängnis werden sollte. 1934 wurde sie wegen Erpressung zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt.

Seit 1940 hatte Hedwig Porschütz Kontakt zu dem Bürstenfabrikanten Otto Weidt. Es entwickelte sich eine sehr vertraute Beziehung. Um Otto Weidt herum entstand ein Netzwerk aus Helfern. Dazu zählte Hedwig Porschütz, die ja vorbestraft war, sich jedoch an vielen Hilfs- und Rettungsaktionen beteiligte. Sie organisierte alle möglichen Waren auf dem Schwarzmarkt, die nicht nur für Menschen in Not waren, sondern auch der Bestechung von Gestapo Beamten dienten. Dies war unabdingbar, da Weidt dadurch die bei ihm beschäftigten Juden vor der Deportation schützen wollte.

Wenn die Freier kamen, mußten ihre Schützlinge die Wohnung verlassen

Sie besorgte nicht nur Waren, Lebensmittel und falsche Papiere, sondern versteckte Juden in ihrer kleinen Mansardenwohnung in der Nähe vom Berliner Alexanderplatz. So auch die Schwestern Marianne und Anneliese Bernstein. Einige versteckte sie später auch in der Wohnung ihrer Mutter. Sie hatte noch ein paar Stammfreier aus alten Zeiten, die sie besuchten. Wenn die Freier kamen, mußten ihre Schützlinge aber die Wohnung verlassen.

Als die Situation nach einer Polizeiaktion in der Nachbarwohnung zu brenzlig wurde, versteckte sie ihre Schützlinge in einem neuen Versteck und versorgte sie weiter mit Lebensmitteln. Die Bernsteins überlebten und emigrierten später in die USA.

Zeitweise beherbergte Hedwig Porschütz vier untergetauchte Juden. Neben den Bernsteins auch Grete Seelig und ihre Nichte Lucie Ballhorn, die sie später bei ihrer Mutter unterbrachte. Grete Seelig überlebte, aber Lucie Ballhorn wurde 1943 festgenommen und nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Schwarzmarktgeschäfte waren gefährlich

Auch bei einer Lebensmittelaktion ins Ghetto Theresienstadt half Hedwig Porschütz Otto Weidt. Mehr als 150 Lebensmittelpakete wurden so an verschleppte ArbeiterInnen und ihre Angehörigen und Freunde verschickt. Viele dieser Lebensmittel konnten nur auf dem Schwarzmarkt besorgt werden. Eine gefährliche Arbeit, die Hedwig Porschütz da übernahm. Die meisten der Empfänger überlebten nicht. Es sind nur drei bekannte Paketempfänger bekannt, die überlebten.

Ihre Schwarzmarktgeschäfte wurden Hedwig Porschütz zum Verhängnis. Sie flog auf, als ein Bekannter in die Fänge der Polizei geriet, nachdem er versuchte, mit Fleischmarken von Porschütz Speck zu kaufen. Im September 1944 wurde Porschütz inhaftiert und man verhängte gegen sie eine Zuchthausstrafe von eineinhalb Jahren.

Gewerbsmäßige Unzucht

Dabei kam auch ihr Lebenswandel zur Sprache und man warf ihr vor, in früheren Jahren „der gewerbsmäßigen Unzucht“ – also der Prostitution – nachgegangen zu sein. Auch warf man ihr vor, „wahllosen“ Umgang mit Männern unterhalten zu haben, obwohl sie doch mittlerweile ein geregeltes Einkommen als Stenotypistin bezog. Sie kam ins Zuchthaus und wurde am 7. Mai 1945 entlassen. Zurück in Berlin, war von ihrer alten Wohnung nach einem Bombenangriff nichts mehr übrig und sie zog in die Feurigstrasse 43 nach Schöneberg. Sie und ihr Mann, ein Kriegsheimkehrer, lebten daraufhin in ärmlichen Verhältnissen. Beide waren chronisch krank waren und ihr Mann hatte nur unregelmäßig Arbeit.

1956 stellte Hedwig Porschütz einen Antrag auf Anerkennung als politisch Verfolgte beim Berliner Entschädigungsamt, der jedoch drei Jahre später abgelehnt wurde. Hier wurde argumentiert, daß die Hilfe für verfolgte Juden keine Widerstandshandlung sei. Außerdem wurde ihr vorgeworfen, daß sie sich mit ihren Schwarzmarktgeschäften sogenannter „Kriegswirtschaftsverbrechen“ schuldig gemacht habe. Auch ihre Vergangenheit als Prostituierte wurde ihr vorgehalten, indem die „Begleitumstände auf ein derartig niedriges sittliches und moralisches Niveau“ schliessen ließen. Die Anerkennung als politisch Verfolgte sei ein Ehrendokument und könne „nur für entsprechende Persönlichkeiten ausgestellt werden.“ Hier folgte das Amt dem NS-Sondergericht. Porschütz konnte dazu nicht einmal Stellung nehmen.

Anträge auf Anerkennung wurden abgelehnt

Auch ein weiterer Antrag im Herbst 1958 wurde abgelehnt. Hier stellte sie einen Antrag auf Beihilfe aus dem Fonds „Unbesungene Helden“.  Auch hier wurde wieder mit einem „derart niedrigen sittlichen und moralischen Niveau der Frau Porschütz“ argumentiert, weil sie in früheren Jahren der „gewerbsmäßigen Unzucht“ nachgegangen und „trotz ihrer Ehe wahllos Umgang mit fremden Männern unterhalten“ habe. Die gleiche Argumentation wie während der Nazi-Zeit. Hedwig Porschütz befand sich in den späten 50er Jahren in einer verzweifelten Lebenssituation.

Sie starb 1977 in einem Berliner Altersheim. Am 3. Juni 2011 wurde das “Schandurteil” gegen Hedwig Porschütz von der Staatsanwaltschaft Berlin aufgehoben, mit der Begründung, daß die „Richter des Sondergerichtshofs sich nicht als Rechtsanwender verstanden, sondern als Bestandteil einer ‚Kampftruppe‘ und als politische Kämpfer für Hitler.“

Späte Rehabilitation

Im November 2010 wurde Hedwig Porschütz im Rahmen des Berliner Gedenktafelprogramms geehrt und ihr Name sowie die Lebensdaten erscheinen seit dem 13. November 2012 auf einer Tafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Feurigstrasse.

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte hat Hedwig Porschütz als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet und 2015 fand für sie in der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin eine Gedenkveranstaltung statt.

Die Schmidtchen und das Muttchen

Allerdings ist Hedwig Porschütz nicht die einzige Prostituierte, die Widerstand leistete. Ich bin bei meinen Recherchen noch auf weitere Frauen gestoßen, die ich Euch kurz vorstellen möchte. Allerdings ist auch hier die Quellenlage denkbar schlecht und alle Infos dazu nur über Augenzeugenberichte überliefert, und von Menschen, die gerettet wurden.

In den Erinnerungen des untergetauchten Juden Gad Beck wird eine Prostitutierte adligen Ursprungs erwähnt: Fräulein Schmidt, die in ihrer Wohnung Juden versteckte. „Schmidtchen“, wie sie zärtlich genannt wurde, war auch dabei behilflich, eine Adressliste mit 36 Untergetauchten zu rekonstruieren, die in Lebensgefahr schwebten. Auf dem Fahrrad fuhr Schmidtchen in die Nacht hinaus und suchte alle einzeln auf, um sie vor der Gestapo zu warnen.

Fräulein Schmidt arbeitete mit anderen Prostituierten an ihrem Stammplatz am Alex, der Mexiko-Bar, eine der miesesten Treffpunkte der Stadt. Ihre Freier nahmen sie mit aufs Zimmer. Dazu diente u.a. die Zimmervermietung von der geschäftstüchtigen Frau Szimke aus der Nachbarschaft, die auch eine Hauptlieferantin für Lebensmittel vom Schwarzmarkt war. Schmidtchen war eine rundliche Frau, eher der mütterliche Typ. Zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte vierzig, mit blondierten und ondulierten Haaren.

Dann ist da noch Dora, eine Berliner Prostituierte, die ihre Wohnung der Familie Frankenstein während der letzten Kriegszeit überließ. Mehr als der Name „Dora“ ist nicht bekannt. Dies ist auch der Name, unter dem sie bei ihren Freiern bekannt war. Dora begegneten die Frankensteins bei der Bordellbetreiberin Mary, wo sie zunächst Unterschlupf fanden. Gegen eine hohe Mietforderung brachte Mary die Frankensteins in ihrer Kellerwohnung unter, später zerstört durch einen Bombenangriff. Die Frankensteins entkamen aus den Trümmern und trafen dabei Dora, der sie sich anvertrauten, daß sie Juden und illegal sind. Dora überläßt der Familie den Schlüssel ihrer Kreuzberger Wohnung, wo sie bis Kriegsende ausharrten. Der Kontakt zu Dora und Mary riß danach ab.

Überleben im Bordell

Ein Bordell spielt auch eine Rolle in einem weiteren Fall einer Prostituierten und Zimmervermieterin, die Juden versteckte. Hier wissen wir den vollständigen Namen. Es ist Charlotte Anna Maria Erxleben aus Greifswald, die mit einem kleinen Erbe ausgestattet, eine Privatpension in Berlin Mitte eröffnete. Dort brachte sie u.a. Leonhard Frankenthal unter, der bei ihr zwischen 1940 und Kriegsende mehrfach Unterschlupf fand und den sie mit Lebensmitteln versorgte. Auch Fritz Walter, ein Flüchtling aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek, fand bei Erxleben Unterschlupf. Er lebte illegal und mit falschen Papieren im Bordell.

Charlotte Erxleben führte einen gehobenen Salon, ein Grund, warum sie bis 1943 weitgehend unbehelligt ihren Schützlingen Hilfe zukommen lassen konnte. Das Bordell hatte auch den Vorteil, daß die Verfolgten als Kunden getarnt waren und zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und gehen konnten. Denunziert durch eine “Kollegin”, erfuhr die Gestapo, daß sich im Bordell Personen versteckt hielten. Obwohl Charlotte beim Verhör geschlagen und mißhandelt wurde, verpfiff sie ihre Schützlinge nicht. Sie nutzte dazu sogar ihre Tätigkeit als Prostituierte, um sie zu decken:. Sie verneinte, Juden versteckt zu haben. Schließlich müsse sie ja wissen, ob jemand ein Jude sei oder nicht, wenn er also beschnitten ist. Obwohl das Bordell wegen ständiger Hausdurchsuchungen nicht mehr als Unterschlupf dienen konnte, versorgte sie weiterhin ihre Schützlinge mit Lebensmitteln. Dazu zählten nicht nur Fritz Walter, Steffi Tonau-Walter und ihre Tochter, sondern auch Helene Bierbaum, die Familie Heinz sowie ein Rabbiner.

Als unbesungene Heldin geehrt

Durch den Krieg verlor Charlotte Erxleben ihre Pension und ihr Vermögen und war später auf Sozialhilfe angewiesen. 1953 reichte sie einen Antrag auf Entschädigung beim Entschädigungsamt Berlin ein. Sie erhielt eine Ablehnung. 1959 stellte sie einen weiteren Antrag auf Ehrung im Rahmen der Aktion „Unbesungene Helden“ des Berliner Senats. Am 19. April 1960 wurde ihr diese Ehrung zuteil, anders als Hedwig Porschütz. Dass Erxleben ihre Schützlinge in einem Bordell versteckte, war dem Senat allerdings verborgen geblieben. Es gab in den offiziellen Anträgen auch keinen Hinweis, daß sie als Prostituierte gearbeitet hatte. Andernfalls wäre ihr diese Ehrung vermutlich ebenfalls versagt geblieben.  Charlotte Erxleben starb am 19. Juli 1981 in Berlin.

In diesem Zusammenhang ist noch eine weitere Prostituierte erwähnenswert, Marta, auch „Muttchen“ genannt, die in den Kellerräumen ihres Bordells in der Berliner Friedrichsgracht gegen Mietzahlung Juden versteckte. Dazu zählte auch Else Krell, Steffi Tonau-Walter und ihre Tochter, von denen Muttchen bis zuletzt nicht wußte, dass sie Juden waren, die ebenfalls von Charlotte Erxleben unterstützt wurden. Muttchen wird als Zuhälterin beschrieben, die mehrere Mädchen am laufen hatte, nachdem sie selber nicht mehr anschaffte. Hier stand eher der Geschäftssinn im Vordergrund und weniger die uneigennützige Hilfe von Verfolgten wie bei den anderen hier beschriebenen Frauen. Wie schon eingangs erwähnt, sind die Motivationen, Juden zu helfen und zu verstecken, sehr unterschiedlich. Dazu zählt eben auch die Motivation bei manchen, finanzielle Vorteile für sich heraus zu schlagen.

Helferinnen handelten mit Herz

Muttchen hatte jedenfalls ein hartes Schicksal. Als uneheliches Kind eines Bauernmädchens geboren und zur Feldarbeit gezwungen, erlebte sie in ihrer Kindheit eine lieblose Zeit. Mit sechzehn Jahren kam sie nach Berlin und arbeitete zunächst als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin. Viele Nächte schlief sie auf der Parkbank, weil sie kein Geld für ein Zimmer hatte. Und so landete sie in der Gosse, schlief mit Männern, um überhaupt ein Dach über den Kopf zu haben. Schließlich hatte sie Glück und ergatterte eine Stelle als Portiersfrau und lebte fortan mietfrei. Schließlich vermietete sie auch Zimmer an Juden.

Was sich von allen Helferinnen sagen läßt ist, daß es Leute waren, die meist aus einfachen Verhältnissen stammten: Menschen mit Herz.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Historikerin Barbara Schieb von der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin für Ihre Unterstützung bei meiner Recherche.

 

Meine Quellen:

Johannes Tuchel, Eine Frau in Berlin, DIE ZEIT Nr. 30/2012 v. 19.07.2012

Johannes Tuchel, Hedwig Porschütz, Die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihrer Diffamierung nach 1945, Berlin 2010

Wikipedia: Hedwig Porschütz – Deutsche Widerstandskämpferin

Und Gad ging zu David. Die Erinnerungen des Gad Beck 1923-1945, Edition día 2012

Christina Herkommer, Rettung im Bordell, in: Überleben im Dritten Reich, Juden im Untergrund und ihre Helfer, Hrsg. v. Wolfgang Benz, Verlag C.H. Beck, München 2003

Else Krell, Wir rannten um unser Leben, Illegalität und Flucht aus Berlin 1943, hrsg. v. Claudia Schoppmann, Publikationen der Gedenkstätte Stille Helden, Band 5, Berlin 2015

„Revolting Prostitutes“: Eine konstruktive Kritik der modernen Hurenbewegung von unseren britischen Kolleginnen

Diese Rezension wurde von Nadine, unserer Forschungsbeauftragten verfasst:

Dieses Jahr wurden mindestens zwei sehr großartige, wichtige Bücher von Sexarbeiterinnen über unsere praktische sowie politische Arbeit veröffentlichet: „Mein Hurenmanifest“ von Undine de Riviere in Deutschland und „Revolting Prostitutes“ von Juno Mac und Molly Smith in Großbritannien. In beiden Werken wird unter Anderem ausführlich über die Sexarbeitsbewegung in den jeweiligen Ländern erzählt und im zweiten vor allem, die verschiedenen Ansätze des Hurenaktivismus reflektiert. Ich möchte zunächst hinsichtlich meiner eigenen Wahrnehmung und Erfahrung mit Hurenaktivismus in Deutschland, die Ideen von Mac und Smith kritisch kommentieren.

Die Autorinnen sind junge sexarbeitende Aktivistinnen und engagieren sich seit 2009 in der Kollektive Sex Worker Advocacy and Resistance Movement (SWARM) in London. In ihrem Buch wird aus der britischen Perspektive der bisherige Kampf für Sexarbeitsrechte weltweit analysiert und kritisch ausgewertet, anhand von Beispielen von Gesetzesmodellen in verschiedenen Ländern. Im ersten Teil wird die Ideologie des Sexarbeitsaktivismus in Bezug auf die Rolle von Sex und Arbeit in der heutigen Gesellschaft dargelegt. Was die Sexarbeitsbewegungen weltweit gemeinsam haben, ist der Wunsch nach der Entkriminalisierung der Sexarbeit. Aber wie im „Revolting Prostitutes“ klar wird, sind die Ansätze unterschiedlich: Einerseits kann man sich auf die Grundrechte berufen um die Entkriminalisierung der Sexarbeit zu begründen, andererseits kann man sich als reine Arbeiter*innenbewegung präsentieren und die Entkriminalisierung durch das Recht auf mehr Arbeitsrechte als Teilnehmer*innen des Arbeitsmarktes begründen.

Generell vertreten Mac und Smith die marxistisch-inspirierte Meinung, dass Arbeit an sich einen ausbeuterischen Charakter hat und gehen mit diesem Ansatz ihren Aktivismus nach. Außerdem bestehen sie darauf, dass es gefährlich für die Sexarbeitsbewegung sei, mit dem Ansatz zu kämpfen, dass die Sexarbeit einen gesellschaftlichen Wert hätte oder dass die Sexarbeit ein selbstverwirklichender Beruf sein könne. Das würde ihrer Ansicht nach die Erfahrungen der Mehrheit von Sexarbeitenden, die für die Arbeit keinerlei Selbsterfüllung empfinden, sondern lediglich finanzielle Vorteile genießen, vertuschen. Die Bewegung sollte besser auf der arbeitsrechtlichen Schiene bleiben und das als Hauptbegründung für die Entkriminalisierung hervorheben, als sich auf die Grundrechte oder auf Freiheit zu berufen. Warum sich die beiden Ansätze ausschließen müssen wird im Buch leider nicht erläutert. Kann man sich im Kampf für mehr Anerkennung für Sexarbeit nicht sowohl auf die Arbeitsrechte als auch auf die Grundrechte berufen?

Die Autorinnen beschreiben die „Erotic Professionals“ (erotische Profis) als Typ-Aktivistin, die sich gerne auf ihr Recht sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen beruft und das Bild des klassischen „choice feminism“ (freie Wahl-Feminismus) vertritt. Beim Lesen dieser Beschreibung habe ich einige von uns im BesD wiedererkannt, denn viele von uns empfinden eine gewisse Leidenschaft bei unserer Arbeit, auch wenn wir in erster Linie finanziell motiviert sind. Mein Eindruck ist, dass wir das auch bei unseren Presseinterviews und in den Vorträgen, die wir deutschlandweit geben, so ausdrücken. Was ich allerdings problematisch finde, ist der Vergleich der erotischen Profis mit den Abolitionistinnen. Mac and Smith behaupten, dass beide Gruppen die eigentlichen Probleme in der Sexarbeit, nämlich die mangelnden Arbeitsrechte und die oft schlechten Arbeitsbedingungen, vertuschen und stattdessen ein schwarz-weiss Bild von der Sexarbeit propagieren würden, als könnte man nur von glücklichen Huren oder überlebende Opfer sprechen. In dem der Unterschied zwischen selbstbestimmter und nicht-selbstbestimmter Sexarbeit betont wird, würden außerdem erotische Profis dadurch implizit den Ansatz der abolitionistischen Opferhilfe unterstützen, nach dem Motto „Ja, es gibt ein Dunkelfeld, das von Zwang und Ausbeutung geprägt wird und die Betroffenen müssen geholfen werden, aber wir gehören eben nicht dazu.“ Das Argument läuft darauf hinaus, dass wenn wir uns als Sexarbeitsaktivistinnen nicht genug mit dem Thema Menschenhandel beschäftigen, heißt es, dass wir einen Schwamm über die Problematik wischen würden. Das ist glücklicherweise zu kurz gedacht. Der Vorschlag, dass wir uns eindeutiger mit tatsächlichen Opfern von Menschenhandel solidarisieren sollten ist begrüßenswert, aber wenn wir nebenbei auch auf unsere Selbstbestimmungsfähigkeit und unsere Grundrechte hinweisen, heißt das nicht, dass wir das Problem Menschenhandel verharmlosen oder dass wir tatsächliche Opfer übergehen würden.

Die Einstellung, dass Sexarbeit auch eine Berufung sein kann wird als Symptom einer neoliberalistischen Arbeitsethik zynisch eingeordnet. Aber was muss daran so kontrovers sein, Selbstverwirklichung und Erfüllung durch die Arbeit zu empfinden? In unserem Zeitalter und vor allem in der Arbeitsgesellschaft in der wir uns befinden, versuchen wir ja das Beste daraus zu machen und dazu kann doch gerne die Suche nach einer Erwerbstätigkeit, die uns auch ein wenig Freude bereitet, dabei sein. Es muss nicht alles gleich als bedauerliche Reproduktion neoliberalistischer Ideologie abgestempelt werden.

Im letzten Kapitel wird auch über das Ende der Sexarbeit philosophiert, welches die Autorinnen in der Erhöhung arbeitsrechtlicher Standards und vor allem mehr Rechte für Migrantinnen sehen, damit „keine® mehr Sexarbeit machen muss und die Sexarbeit unnötig wird“ (S. 215). Vielleicht hätten sie besser schreiben sollen, damit „keine Arbeit mehr nötig ist und keine® mehr arbeiten muss,“ denn solange das kapitalistische System noch so bleibt wie es ist, in dem der Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen betrieben werden muss um das Lebensunterhalt zu sichern, wird es auch immer das Angebot von erotischen und sexuellen Dienstleistungen geben, unabhängig davon, wie viele Arbeits- und Sozialrechte noch gewonnen werden. Außerdem wird die Nachfrage nach Sex und Erotik auch nicht so schnell verschwinden. Die eigentliche Frage ist, wie Menschen an dieses Bedürfnis oder an dieses Verlangen an sexuellen und erotischen Erlebnissen kommen werden, ob umsonst oder durch Bezahlung. Eine sexpositive Aussicht auf das Ende der Sexarbeit wäre eine Welt in der die Demokratisierung der Lust angestrebt wird, so dass keine® mehr den Sinn darin sehen würde, für sexuelle Dienstleistungen zu bezahlen.

Man darf nicht vergessen, dass der nationale Kontext aus dem die Autorinnen schreiben ein anderer ist als unserer. Auch wenn der Sexkauf und –verkauf nicht verboten sind, werden in Großbritannien leider immer noch Betriebsstätte für sexuelle Dienstleistungen kriminalisiert, was oft schlechte Arbeitsbedingungen und fragwürdige Kundschaft verursacht. Betreiber*innen vermischen sich daher ungerne öffentlich in die Sexarbeitsbewegung und Sexarbeitsaktivistinnen dort erkennen keine gemeinsamen Interessen mit Betreiber*innen, die oft einfach als unterdrückende Kapitalisten gesehen werden. Trotzdem gibt es sehr ähnliche Diskurse innerhalb der deutschen und der britischen Bewegungen, die wir bei unserem Aktivismus reflektieren können. Es ist sinnvoll unser Handeln zu reflektieren und die Bedeutung unserer Ansätze für den Kampf für mehr Rechte zu überdenken. Wir sollten uns aber nicht zu sehr mit diesen Unterschieden beschäftigen, sondern vielmehr die Gemeinsamkeiten unserer Ansätze suchen, um solidarisch zu bleiben.

Zu dieser Rezension hat Mademoiselle Ruby folgenden Beitrag ergänzt:

Also, ich habe ein paar begriffliche Probleme mit dem Beitrag, die ich mal ansprechen möchte. Für all die, die mit der Terminologie rund um dieses Thema Aversionen verbinden, ich kann das gut nachvollziehen, aber finde, wir kommen hier ohne diese Begriffe nicht weiter.

Für mich ist der Ansatz von den Autorinnen nicht “marxistisch inspiriert” sondern hat relativ wenig mit der sozialistischen Interpretation von Arbeit zu tun. Nicht die Arbeit als solche ist das Problem, sondern deren Entfremdung und die Aneignung durch die herrschende Klasse. Wer das verkürzt darstellt, kommt am Ende auch zu so verkürzten Schlussfolgerungen wie anscheinend in dem Buch. Natürlich steht Sexarbeit heute im gesamtgesellschaftlichen Spannungsfeld des späten Kapitalismus und trägt dadurch Züge von Entfremdung, Ausbeutung und hat – ich bleib mal im Slang: einen deutlichen Klassencharakter. Marx und Engels wollten aber auch nicht die (Sex)Arbeit als solche abschaffen, sondern deren repressiven Charakter und ihre Ausbeutung beheben und gesamtgesellschaftlichen Nutzen generieren, über die Klassen- und Ländergrenzen hinweg.

Die Frage nach Sex und Sexarbeit kann in meinen Augen nicht ohne den sozialen Background der Zeit betrachtet werden. In der spätkapitalistischen Gesellschaft sind Zeit, Nähe, zwischenmenschliche Beziehungen und Wohlstand Privileg oder Mangel”ware”. Sex als Ware unterliegt genau den gleichen miesen Konditionen, wie alle Arbeit und ihre Produkte sonst auch, und wird entsprechend gehandelt. Dennoch ist die Sexualität wie auch die Kreativität ein Grundbedürfnis des Menschen, in denen sich, auch das aus marxistischer Sicht, manchmal ein Freiheitsbegriff abbildet, der seiner Zeit weit voraus ist – Stichwort Avantgarde (bitte ohne die Kulturarroganz, die dieser Begriff leider manchmal impetto hat, verstehen). Es bilden sich dort Bedürfnisse und fast schon Utopien ab, die der Mensch denken kann, weil sie möglich sind.

Manchen von uns Sexworkern gelingt eine gewisse Unabhängigkeit von materiellen Zwängen. Folgt man dem Ansatz von Mac und Smith, dann würden diese Repräsentant*innen nicht weiter für Rechte, bessere Arbeitsbedingungen und gegen Entfremdung der Ware Sex eintreten, sondern allein durch ihre privilegierte Stellung die anderen, weniger privilegierten Vertreter*innen verhöhnen. Aber das ist doch gar nicht der Fall. Ich denke, wir müssen offen und realistisch sein, sensibilisiert für die Unterschiedlichkeit der Bedingungen die Sexarbeiter*innen weltweit erleben. Eine klare Perspektive sollte nicht sein, die Rechte von Sexarbeiter*innen von denen anderer Arbeiter*innen abzukoppeln sondern zu verstehen, wieso die Situation so scheiße ist, und welche Faktoren uns verbinden.

Die Gefahr ist immer nur noch realpolitisch zu agieren, und wie die Gewerkschaften auf Nachbesserungen zu drängen, ohne aber das Gesamte in Frage zu stellen. Wenn man das macht, kommt man schnell zu diesem Begriff, den auch Marx und Engels schon benannten: Arbeiteraristokratie (kleinbürgerliche Strukturen, die sich anpassen, und nicht an die Kernfrage ran gehen.
Für mich sind also hier die zentralen Frage: Wie vermeidet die weltweite Bewegung von Sexarbeiter*innen (Sex)Arbeiteraristokratie oder ausschließliche Anpassung an die politischen Strukturen? Wie bleiben wir solidarisch und kultivieren nicht unser Privileg?

Das soll nicht heißen, dass wir keine politischen Forderungen mehr stellen, oder keine Nachbesserungen begrüßen, aber es heißt, dass sich die Sexarbeiter*innenbewegung über Perspektiven Gedanken machen müsste.