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Das Recht auf Sexarbeit – ein feministischer Anspruch

Dieser Text wurde von der Berliner Sexarbeiterin Fräulein Angelina verfasst. 

Die Frauenbewegung bewegt seit Jahrzehnten viele und vieles. Erfolge konnten verzeichnet werden. Und gleichwohl steht es um das Wohl der gleichberechtigten Gesellschaft noch nicht so gut, wie es wünschenswert wäre. Daher braucht es nach wie vor den Blick des Feminismus, den Drang, weibliche Belange vorwärts zu treiben. Denn das Patriarchat ist träge und zäh und tief in Köpfen, Konventionen und dem Konservatismus verankert, und das dauert. Außerdem ist da die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Und der ständige Wandel. Es werden Teilziele erreicht. Ein Grund zur Freude, aber kein Anlass aufzuhören mit dem Drängen und Treiben. Doch die Leit- und auch die Feindbilder müssen auf dem Weg immer wieder aufs Neue überprüft werden.

Wo wir uns einst von vorgeschriebenen Schönheitsidealen trennen mussten, mit der Forderung, auch Hosen und flache Schuhe tragen zu dürfen, wie es uns beliebt, wo ein wichtiger Schritt war, Abstand von dem zu bekommen, was Symbole der Unterdrückung waren, so sind wir mittlerweile an einem Punktwo wir uns auch wieder dieser Symbole bemächtigen können – sofern wir das möchten. Aus einem gesellschaftlichen Druck wurde eine Bewegung, die zum Ziel hatte, kollektiv die Frau vom Zwang zu befreien, damit sie individuell ihre Wahl und Entscheidung treffen kann. 

Kein Zwang, eine Hausfrau und Mutter zu werden, sondern die Entscheidungsfreiheit, diese Rollen abzulehnen – oder für sich zu wählen. Wir haben lernen müssen, dass auch Feministinnen unfeministisch werden können, wenn sie ihrem Blickwinkel kein Update gönnen. Nicht die Mutterrolle ist das Problem, sondern wer sie bestimmt.

Genauso verhält es sich mit jeglichen anderen Entscheidungen bezüglich des individuellen Lebenskonzepts mit all seinen Details. Die angestrebte Freiheit besteht nicht darin, ins Gegenteil zu kippen und nun das Gegenteil und nichts als dieses zu propagieren. Das kann allerhöchstens ein Zwischenschritt sein. Ja, es gibt Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Arbeit. Zwischen verschiedenen Dienstleistungen. Sexarbeit ist eine Dienstleistung gegen Geld. Für die Möglichkeit zur Wahl hat die Frauenbewegung gekämpft. Wir können und sollten uns freuen, dass es für Mädchen und Frauen nicht mehr nur einen akzeptablen Werdegang gibt, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich selbst zu entfalten und die Gesellschaft mitzuprägen. Der feministische Anspruch muss sein, Frauen in keinem Falle für das Nutzen ihrer Freiheit zu diskriminieren, auch und gerade bezüglich ihrer Berufswahl. 

Manchmal werden wir dennoch wieder von konservativen Erwartungen und den noch immer bestehenden patriarchalischen Mechanismen zurückgehalten oder zumindest verunsichert. Es ist längst nicht perfekt. Deshalb ist der Feminismus nach wie vor aktuell und notwendig, und besonders wichtig ist es, ihn zu überprüfen, gerade wenn es um Rollen und Berufe geht, die traditionell als „unfeministisch“ betrachtet wurden. „Unfeministisch“ ist lediglich, wer Frauen abzusprechen versucht, den Beruf oder die Rolle ihrer Wahl auszuüben oder sie für ihre Wahl verurteilt und diskriminiert.

Stille Heldinnen: In Nazi-Deutschland retteten Prostituierte verfolgte Juden

Dieser Beitrag wurde von unserem Mitglied Susi recherchiert und erstellt. Er ist am 28. Februar 2019 im kaufmich-Magazin erschienen.

Wenig ist bekannt über die Rolle, die Prostituierte im Deutschen Widerstand spielten. Wie konnte es sein, daß Frauen, selbst diskriminiert und kriminalisiert, bereit waren, unter Einsatz ihres Lebens anderen Menschen zu helfen? Es sind stille Heldinnen.

Eine fast unbekannte Geschichte

In diesem Beitrag geht es um eine fast unbekannte Geschichte über die „stillen Heldinnen“, deren Lebensleistung bis heute kaum bekannt und anerkannt ist. Sie heißen Hedwig Porschütz, Dora, Mary und Muttchen, Fräulein Schmidt und Charlotte Erxleben, die eines eint. Sie sind allesamt Prostituierte gewesen und haben als berühmte Huren deshalb Platz im Magazin. Ich habe mich auf die Suche nach diesen stillen Heldinnen gemacht und stelle euch einige vor. Leider gibt die Quellenlage nicht viel her, denn die meisten Helfer und Helferinnen sind nach 1945 verstummt, die meisten Zeitzeugen inzwischen verstorben.

Der deutsche Widerstand gegen das Nazi-Regime ist ziemlich gut erforscht. Menschen leisteten aus unterschiedlichen Gründen Widerstand und setzten damit ihr eigenes Leben aufs Spiel. Einige handelten aus Christenpflicht, andere weil sie pazifistisch oder patriotisch waren. Andere verfolgten auch selbstsüchtige Motive. Menschlichkeit und Solidarität zeichnete sie alle aus. Die meisten Helfer und Helferinnen stammten aus einfachen Verhältnissen.

Holocaust bei vielen jungen Deutschen unbekannt

Berühmt ist immerhin der Retter Oskar Schindler durch die Oskar prämierte Verfilmung von „Schindlers Liste“, ein Film, der eigentlich Bestandteil jeden Schulunterrichts sein sollte. Immerhin, so zeigen aktuelle Umfragen, ist der Holocaust bei 40% der jungen Deutschen nahezu unbekannt!

Zum Widerstand gehörten nicht nur das Schreiben und Verteilen von Flugblättern und spektakuläre Attentatsversuche, sondern die Arbeit der „stillen Helden“. Sie organisierten Verstecke, Lebensmittel und gefälschte Papiere, und ermöglichten Menschen das Leben im Untergrund und damit ihr Überleben.

Nach 1945 wurde die Rettung verfolgter Juden kaum als Widerstandshandlung anerkannt. Auch weil die meisten Helfer schwiegen. Im Jahr 1958 wandelte sich das Blatt und der Westberliner Innensenator Joachim Lipschitz (SPD) begann mit der Ehrung solcher „unbesungenen Helden“. Etwa 1500 von ihnen stellten Anträge. Mehr als die Hälfte wurde abgelehnt. Jene, die anerkannt wurden, erhielten eine Ehrung und eine kleine finanzielle Zuwendung.

Die stille Heldin Hedwig Porschütz

Auch von Hedwig Porschütz wurde der Antrag abgelehnt. Viel ist über diese Frau nicht bekannt, es gibt auch kein Foto von ihr. Hedwig Porschütz war verheiratet und arbeitete als Stenotypistin, später in der Blindenwerkstatt Otto Weidt am Hackeschen Markt in Berlin. Zuvor war sie jedoch arbeitslos geworden und und arbeitete eine Zeitlang als Prostituierte, was ihr später zum Verhängnis werden sollte. 1934 wurde sie wegen Erpressung zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt.

Seit 1940 hatte Hedwig Porschütz Kontakt zu dem Bürstenfabrikanten Otto Weidt. Es entwickelte sich eine sehr vertraute Beziehung. Um Otto Weidt herum entstand ein Netzwerk aus Helfern. Dazu zählte Hedwig Porschütz, die ja vorbestraft war, sich jedoch an vielen Hilfs- und Rettungsaktionen beteiligte. Sie organisierte alle möglichen Waren auf dem Schwarzmarkt, die nicht nur für Menschen in Not waren, sondern auch der Bestechung von Gestapo Beamten dienten. Dies war unabdingbar, da Weidt dadurch die bei ihm beschäftigten Juden vor der Deportation schützen wollte.

Wenn die Freier kamen, mußten ihre Schützlinge die Wohnung verlassen

Sie besorgte nicht nur Waren, Lebensmittel und falsche Papiere, sondern versteckte Juden in ihrer kleinen Mansardenwohnung in der Nähe vom Berliner Alexanderplatz. So auch die Schwestern Marianne und Anneliese Bernstein. Einige versteckte sie später auch in der Wohnung ihrer Mutter. Sie hatte noch ein paar Stammfreier aus alten Zeiten, die sie besuchten. Wenn die Freier kamen, mußten ihre Schützlinge aber die Wohnung verlassen.

Als die Situation nach einer Polizeiaktion in der Nachbarwohnung zu brenzlig wurde, versteckte sie ihre Schützlinge in einem neuen Versteck und versorgte sie weiter mit Lebensmitteln. Die Bernsteins überlebten und emigrierten später in die USA.

Zeitweise beherbergte Hedwig Porschütz vier untergetauchte Juden. Neben den Bernsteins auch Grete Seelig und ihre Nichte Lucie Ballhorn, die sie später bei ihrer Mutter unterbrachte. Grete Seelig überlebte, aber Lucie Ballhorn wurde 1943 festgenommen und nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Schwarzmarktgeschäfte waren gefährlich

Auch bei einer Lebensmittelaktion ins Ghetto Theresienstadt half Hedwig Porschütz Otto Weidt. Mehr als 150 Lebensmittelpakete wurden so an verschleppte ArbeiterInnen und ihre Angehörigen und Freunde verschickt. Viele dieser Lebensmittel konnten nur auf dem Schwarzmarkt besorgt werden. Eine gefährliche Arbeit, die Hedwig Porschütz da übernahm. Die meisten der Empfänger überlebten nicht. Es sind nur drei bekannte Paketempfänger bekannt, die überlebten.

Ihre Schwarzmarktgeschäfte wurden Hedwig Porschütz zum Verhängnis. Sie flog auf, als ein Bekannter in die Fänge der Polizei geriet, nachdem er versuchte, mit Fleischmarken von Porschütz Speck zu kaufen. Im September 1944 wurde Porschütz inhaftiert und man verhängte gegen sie eine Zuchthausstrafe von eineinhalb Jahren.

Gewerbsmäßige Unzucht

Dabei kam auch ihr Lebenswandel zur Sprache und man warf ihr vor, in früheren Jahren „der gewerbsmäßigen Unzucht“ – also der Prostitution – nachgegangen zu sein. Auch warf man ihr vor, „wahllosen“ Umgang mit Männern unterhalten zu haben, obwohl sie doch mittlerweile ein geregeltes Einkommen als Stenotypistin bezog. Sie kam ins Zuchthaus und wurde am 7. Mai 1945 entlassen. Zurück in Berlin, war von ihrer alten Wohnung nach einem Bombenangriff nichts mehr übrig und sie zog in die Feurigstrasse 43 nach Schöneberg. Sie und ihr Mann, ein Kriegsheimkehrer, lebten daraufhin in ärmlichen Verhältnissen. Beide waren chronisch krank waren und ihr Mann hatte nur unregelmäßig Arbeit.

1956 stellte Hedwig Porschütz einen Antrag auf Anerkennung als politisch Verfolgte beim Berliner Entschädigungsamt, der jedoch drei Jahre später abgelehnt wurde. Hier wurde argumentiert, daß die Hilfe für verfolgte Juden keine Widerstandshandlung sei. Außerdem wurde ihr vorgeworfen, daß sie sich mit ihren Schwarzmarktgeschäften sogenannter „Kriegswirtschaftsverbrechen“ schuldig gemacht habe. Auch ihre Vergangenheit als Prostituierte wurde ihr vorgehalten, indem die „Begleitumstände auf ein derartig niedriges sittliches und moralisches Niveau“ schliessen ließen. Die Anerkennung als politisch Verfolgte sei ein Ehrendokument und könne „nur für entsprechende Persönlichkeiten ausgestellt werden.“ Hier folgte das Amt dem NS-Sondergericht. Porschütz konnte dazu nicht einmal Stellung nehmen.

Anträge auf Anerkennung wurden abgelehnt

Auch ein weiterer Antrag im Herbst 1958 wurde abgelehnt. Hier stellte sie einen Antrag auf Beihilfe aus dem Fonds „Unbesungene Helden“.  Auch hier wurde wieder mit einem „derart niedrigen sittlichen und moralischen Niveau der Frau Porschütz“ argumentiert, weil sie in früheren Jahren der „gewerbsmäßigen Unzucht“ nachgegangen und „trotz ihrer Ehe wahllos Umgang mit fremden Männern unterhalten“ habe. Die gleiche Argumentation wie während der Nazi-Zeit. Hedwig Porschütz befand sich in den späten 50er Jahren in einer verzweifelten Lebenssituation.

Sie starb 1977 in einem Berliner Altersheim. Am 3. Juni 2011 wurde das “Schandurteil” gegen Hedwig Porschütz von der Staatsanwaltschaft Berlin aufgehoben, mit der Begründung, daß die „Richter des Sondergerichtshofs sich nicht als Rechtsanwender verstanden, sondern als Bestandteil einer ‚Kampftruppe‘ und als politische Kämpfer für Hitler.“

Späte Rehabilitation

Im November 2010 wurde Hedwig Porschütz im Rahmen des Berliner Gedenktafelprogramms geehrt und ihr Name sowie die Lebensdaten erscheinen seit dem 13. November 2012 auf einer Tafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Feurigstrasse.

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte hat Hedwig Porschütz als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet und 2015 fand für sie in der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin eine Gedenkveranstaltung statt.

Die Schmidtchen und das Muttchen

Allerdings ist Hedwig Porschütz nicht die einzige Prostituierte, die Widerstand leistete. Ich bin bei meinen Recherchen noch auf weitere Frauen gestoßen, die ich Euch kurz vorstellen möchte. Allerdings ist auch hier die Quellenlage denkbar schlecht und alle Infos dazu nur über Augenzeugenberichte überliefert, und von Menschen, die gerettet wurden.

In den Erinnerungen des untergetauchten Juden Gad Beck wird eine Prostitutierte adligen Ursprungs erwähnt: Fräulein Schmidt, die in ihrer Wohnung Juden versteckte. „Schmidtchen“, wie sie zärtlich genannt wurde, war auch dabei behilflich, eine Adressliste mit 36 Untergetauchten zu rekonstruieren, die in Lebensgefahr schwebten. Auf dem Fahrrad fuhr Schmidtchen in die Nacht hinaus und suchte alle einzeln auf, um sie vor der Gestapo zu warnen.

Fräulein Schmidt arbeitete mit anderen Prostituierten an ihrem Stammplatz am Alex, der Mexiko-Bar, eine der miesesten Treffpunkte der Stadt. Ihre Freier nahmen sie mit aufs Zimmer. Dazu diente u.a. die Zimmervermietung von der geschäftstüchtigen Frau Szimke aus der Nachbarschaft, die auch eine Hauptlieferantin für Lebensmittel vom Schwarzmarkt war. Schmidtchen war eine rundliche Frau, eher der mütterliche Typ. Zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte vierzig, mit blondierten und ondulierten Haaren.

Dann ist da noch Dora, eine Berliner Prostituierte, die ihre Wohnung der Familie Frankenstein während der letzten Kriegszeit überließ. Mehr als der Name „Dora“ ist nicht bekannt. Dies ist auch der Name, unter dem sie bei ihren Freiern bekannt war. Dora begegneten die Frankensteins bei der Bordellbetreiberin Mary, wo sie zunächst Unterschlupf fanden. Gegen eine hohe Mietforderung brachte Mary die Frankensteins in ihrer Kellerwohnung unter, später zerstört durch einen Bombenangriff. Die Frankensteins entkamen aus den Trümmern und trafen dabei Dora, der sie sich anvertrauten, daß sie Juden und illegal sind. Dora überläßt der Familie den Schlüssel ihrer Kreuzberger Wohnung, wo sie bis Kriegsende ausharrten. Der Kontakt zu Dora und Mary riß danach ab.

Überleben im Bordell

Ein Bordell spielt auch eine Rolle in einem weiteren Fall einer Prostituierten und Zimmervermieterin, die Juden versteckte. Hier wissen wir den vollständigen Namen. Es ist Charlotte Anna Maria Erxleben aus Greifswald, die mit einem kleinen Erbe ausgestattet, eine Privatpension in Berlin Mitte eröffnete. Dort brachte sie u.a. Leonhard Frankenthal unter, der bei ihr zwischen 1940 und Kriegsende mehrfach Unterschlupf fand und den sie mit Lebensmitteln versorgte. Auch Fritz Walter, ein Flüchtling aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek, fand bei Erxleben Unterschlupf. Er lebte illegal und mit falschen Papieren im Bordell.

Charlotte Erxleben führte einen gehobenen Salon, ein Grund, warum sie bis 1943 weitgehend unbehelligt ihren Schützlingen Hilfe zukommen lassen konnte. Das Bordell hatte auch den Vorteil, daß die Verfolgten als Kunden getarnt waren und zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und gehen konnten. Denunziert durch eine “Kollegin”, erfuhr die Gestapo, daß sich im Bordell Personen versteckt hielten. Obwohl Charlotte beim Verhör geschlagen und mißhandelt wurde, verpfiff sie ihre Schützlinge nicht. Sie nutzte dazu sogar ihre Tätigkeit als Prostituierte, um sie zu decken:. Sie verneinte, Juden versteckt zu haben. Schließlich müsse sie ja wissen, ob jemand ein Jude sei oder nicht, wenn er also beschnitten ist. Obwohl das Bordell wegen ständiger Hausdurchsuchungen nicht mehr als Unterschlupf dienen konnte, versorgte sie weiterhin ihre Schützlinge mit Lebensmitteln. Dazu zählten nicht nur Fritz Walter, Steffi Tonau-Walter und ihre Tochter, sondern auch Helene Bierbaum, die Familie Heinz sowie ein Rabbiner.

Als unbesungene Heldin geehrt

Durch den Krieg verlor Charlotte Erxleben ihre Pension und ihr Vermögen und war später auf Sozialhilfe angewiesen. 1953 reichte sie einen Antrag auf Entschädigung beim Entschädigungsamt Berlin ein. Sie erhielt eine Ablehnung. 1959 stellte sie einen weiteren Antrag auf Ehrung im Rahmen der Aktion „Unbesungene Helden“ des Berliner Senats. Am 19. April 1960 wurde ihr diese Ehrung zuteil, anders als Hedwig Porschütz. Dass Erxleben ihre Schützlinge in einem Bordell versteckte, war dem Senat allerdings verborgen geblieben. Es gab in den offiziellen Anträgen auch keinen Hinweis, daß sie als Prostituierte gearbeitet hatte. Andernfalls wäre ihr diese Ehrung vermutlich ebenfalls versagt geblieben.  Charlotte Erxleben starb am 19. Juli 1981 in Berlin.

In diesem Zusammenhang ist noch eine weitere Prostituierte erwähnenswert, Marta, auch „Muttchen“ genannt, die in den Kellerräumen ihres Bordells in der Berliner Friedrichsgracht gegen Mietzahlung Juden versteckte. Dazu zählte auch Else Krell, Steffi Tonau-Walter und ihre Tochter, von denen Muttchen bis zuletzt nicht wußte, dass sie Juden waren, die ebenfalls von Charlotte Erxleben unterstützt wurden. Muttchen wird als Zuhälterin beschrieben, die mehrere Mädchen am laufen hatte, nachdem sie selber nicht mehr anschaffte. Hier stand eher der Geschäftssinn im Vordergrund und weniger die uneigennützige Hilfe von Verfolgten wie bei den anderen hier beschriebenen Frauen. Wie schon eingangs erwähnt, sind die Motivationen, Juden zu helfen und zu verstecken, sehr unterschiedlich. Dazu zählt eben auch die Motivation bei manchen, finanzielle Vorteile für sich heraus zu schlagen.

Helferinnen handelten mit Herz

Muttchen hatte jedenfalls ein hartes Schicksal. Als uneheliches Kind eines Bauernmädchens geboren und zur Feldarbeit gezwungen, erlebte sie in ihrer Kindheit eine lieblose Zeit. Mit sechzehn Jahren kam sie nach Berlin und arbeitete zunächst als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin. Viele Nächte schlief sie auf der Parkbank, weil sie kein Geld für ein Zimmer hatte. Und so landete sie in der Gosse, schlief mit Männern, um überhaupt ein Dach über den Kopf zu haben. Schließlich hatte sie Glück und ergatterte eine Stelle als Portiersfrau und lebte fortan mietfrei. Schließlich vermietete sie auch Zimmer an Juden.

Was sich von allen Helferinnen sagen läßt ist, daß es Leute waren, die meist aus einfachen Verhältnissen stammten: Menschen mit Herz.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Historikerin Barbara Schieb von der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin für Ihre Unterstützung bei meiner Recherche.

 

Meine Quellen:

Johannes Tuchel, Eine Frau in Berlin, DIE ZEIT Nr. 30/2012 v. 19.07.2012

Johannes Tuchel, Hedwig Porschütz, Die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihrer Diffamierung nach 1945, Berlin 2010

Wikipedia: Hedwig Porschütz – Deutsche Widerstandskämpferin

Und Gad ging zu David. Die Erinnerungen des Gad Beck 1923-1945, Edition día 2012

Christina Herkommer, Rettung im Bordell, in: Überleben im Dritten Reich, Juden im Untergrund und ihre Helfer, Hrsg. v. Wolfgang Benz, Verlag C.H. Beck, München 2003

Else Krell, Wir rannten um unser Leben, Illegalität und Flucht aus Berlin 1943, hrsg. v. Claudia Schoppmann, Publikationen der Gedenkstätte Stille Helden, Band 5, Berlin 2015

Ideologisch gesund – warum Solidariät mit und unter Sexarbeiter*innen alternativlos ist

Ein Beitrag von unserem Verbandsmitglied Kristina Marlen:

TANTRA – KEINE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN HEILIG UND PROFAN?

Am 1. Juli 2017 ist das „ProstitutiertenSchutzGesetz“ in Kraft getreten. Das Gesetz mit dem irreführenden Namen hält eine Reihe neuer Bestimmungen und Auflagen bereit für Menschen, die professionell mit Sexualität arbeiten. Sowohl für Betreiber*innen von Prostitutionsstätten als auch für Einzelpersonen werden die Arbeitsbedingungen massiv erschwert. Insbesondere die eingeführte Meldepflicht für Prostituierte sowie die Pflicht, ab spätestens 1. Januar 2018 den sogenannten „Hurenausweis“ mit sich zu führen, lassen starke Zweifel daran aufkommen, ob das Gesetz wirklich zum Schutze gedacht war oder nicht vielmehr zur umfassenden Kontrolle und Überwachung von Sexarbeiter*innen.

Trotz des fachkundigen Protests hat der Gesetzgeber für diese sinnlose Konstruktion gestimmt, die vielmehr der Abschaffung von Prostitution dient als der Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen, die in der Branche tätig sind.

Die Hurenbewegung hat sich seit Jahren mit Händen und Füßen gegen das Gesetz gewehrt. Wir sind wütend. Es ist eine Verfassungsklage anhängig, und man kann sich noch an einer Verfassungsbeschwerde beteiligen. Die Kampagne „Sexarbeit ist Arbeit. Respekt“ ist gestartet und kann unterstützt werden!

Parallel dazu bricht in den eigenen Reihen Unruhe aus: Wie soll man sich jetzt verhalten? Anmelden? Boykottieren? Illegal arbeiten? Aufhören?

Der neueste Trend in einigen Segmenten der Branche ist dabei, sich und der Welt zu erklären, warum man von dem Gesetz eigentlich gar nicht gemeint sei.
So berufen sich etwa einige Escortdamen auf den Kunstbegriff und behaupten, dass ihre Leistung in Entertainment und performativem Amusement bestehe. Wie nahe die Künstlerinnen ihren Kunden dabei kämen, obliege der künstlerischen Freiheit.

Dominas, die darauf bestehen, keine Prostituierte zu sein, weil sie ja nicht vögeln und oft nicht einmal den Körper ihrer Kunden berühren, geschweigedenn sich selbst berühren lassen, bin ich in letzter Zeit nicht mehr begegnet. Ich glaube, als BDSM praktizierender Mensch ist man es gewöhnt, (sexuelle) Randgruppe zu sein. Das reicht, um um zu verstehen: ja, wir sind gemeint. Was wir machen, bewerten andere als pervers. Auch wenn unsere Klamotten teurer sind, wir ziemlich ausgefeilte Skills haben und unsere Stundenpreise höher sind- das Gesetz richtet sich gegen uns. Wir sind nicht erwünscht.

Tantramasseur*innen allerdings wollen mit den „Schmuddelkindern“ der Prostitution nichts zu tun haben. In der Stellungnahme des Tantramassageverbandes wird ganz besonders eindringlich argumentiert, mit seiner Arbeit zur Gesundheit beizutragen: „Wir verstehen unsere Arbeit als Beitrag zu einer aufgeklärten und fortschrittlichen sexuellen Kultur, zu selbstbestimmtem sexuellen Lernen und zu mehr Lebensqualität im Sinne der WHO-Definition von „Sexueller Gesundheit“.“

Sie berufen sich auf die Seriosität, Ausbildung und quasi therapeutische Wirksamkeit ihrer Arbeit. Der Gesetzgeber habe evtl „übersehen“, dass ihre „…Berufsgruppe nicht zu anvisierten Zielgruppe (gehöre)“ und stellt klar: „Ihre Angehörige bedürfen des Schutzes durch das neue Gesetz nicht“. Wer diesen Schutzes bedürfen würde, bleibt unklar: wahrscheinlich die „ungelernten“ und „unfreiwilligen“ Sexdienstleister, von denen in der Stellungnahme häufiger die Rede ist, die aber nicht näher beschrieben sind. Mit ihnen in einem Atemzug genannt, fühlen sich die Tantramassseur*innen …in ihrem Bemühen verkannt und torpediert, ihrer wichtigen, wirksamen und wertvollen ganzheitlichen Arbeit am Menschen eine breitere öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu geben.“

Ich finde, es ist legitim, in der gegebenen Situation seine Felle ins Trockene zu bringen. Das Gesetz ist schädlich, und es wird uns viel kosten, und jedem, der sich irgendwie aus seinem Griff befreien kann, gratuliere ich von Herzen.

Leider halte ich die Strategien nicht nur für aussichtslos, sondern auch ideologisch und politisch falsch. Sie sind kurzsichtig, unsolidarisch und ärgern mich maßlos.
Bei dem Versuch, sich unter dem Radar des reaktionären Gesetzes wegzuducken, begehen diese Kolleg*innen einen hässlichen, opportunistischen Fehltritt. Ihre Argumentationen entspringen dem gleichen menschenverachtenden Menschenbild, das dem Gesetz zugrunde liegt. Sie verstärken das Stigma, indem sie auf die populistischen, schlampig recherchierten Narrative von sprachlosen, geschundenen weiblichen Opfern zurückgreifen, die nicht wissen, was sie tun. Oder die wissen, was sie tun, aber das ist etwas Minderwertiges. Auch wenn unklar ist, wer „die“ sind, und was „die“ machen, dient die Konstruktion dazu, sich selbst wieder im rechten Lichte bürgerlicher Legitimität glänzen zu sehen.

Dabei ist im Gesetz genau festgelegt, was eine sexuelle Dienstleistung ist. Es bedarf weder des Geschlechtsverkehrs, nicht einmal der genitalen oder überhaupt körperlichen Berührung(* Zitat s.u.) Tantramassagen fallen klar unter die Prostitions-Definition des Gesetzes. Das geht auch aus dem Rechtsgutachten von Maria Wersig hervor.

In einem Absatz im Gesetz wird erläutert, warum sich die auch die vermeintlich qualifizierteren, gebildeteren Tantriker „Prostituierte“ nennen lassen müssen: „sexuelle Dienstleistung“ wird gleichbedeutend mit „Prostitution“ verwendet.

Ich verstehe das Unbehagen. Prostituierte nennt sich niemand gern. Niemand. Auch nicht diejenigen, die scheinbar so eindeutig welche sind. Die Anderen. Prostituierte nennt man sich nicht stolz und selbstbestimmt oder auch nur beiläufig wie „Kassiererin“ oder „Kartenabreißer“.

Prostituierte will sich deshalb niemand nennen, weil wir stigmatisiert sind. Der Ursprung des Stigmas ist eine tiefe Sexualfeindlichkeit und eine patriarchale Gesellschaftsordnung. So einfach ist das. Und so ätzend.

Die einzige Form, wie wir Stigma entgegentreten können, ist konsequente Solidarität unter und mit Sexarbeiter*innen. Wir sind verschieden, wir bieten unterschiedliche Dienste an, kommen aus diversen Hintergründen, arbeiten in einer Bandbreite von Preisklassen und Etablissements, für einige Zielgruppen mit facettenreichen Geschäftsmodellen. Die Unterschiede sollen benannt werden, so wird die Bandbreite sexueller Dienstleistungen sichtbar und wir können ein realistisches Bild von Sexarbeit in der Gesellschaft verankern. Sexarbeit verdient Respekt, aus unterschiedlichsten Gründen.

Wir sind verschieden, aber wir arbeiten alle mit Sexualität. Sexualität ist ein Tabu, und wir werden es immer mit konservativen Kräften zu tun haben, die uns Bedingungen stellen und definieren wollen, welche Sexualität(en) legitim sind und welche nicht. Es hilft nicht, wenn wir dem Tabu, das auf Sexualität lastet, begegnen, indem wir behaupten, das was wir tun, sei entweder kein oder höherwertiger Sex.

Wenn „gesund“ und „gebildet“ oder auch „künstlerisch“ jetzt die neue sexuelle Moral wird , dann ist das schlecht. Wenn nur noch ausgebildeter oder gesundheitsfördernder Sex legitim ist, dann ist das Rückschritt. Das ist Backlash.

„Gesundheit“ als Kriterium für richtige und falsche sexuelle Praxis einzuführen, geht gar nicht. Zu definieren, was „sexuell gesund“ ist, im Gegensatz zu gesundheitsschädlich oder krank, ist eine Unterscheidung, die in faschistoiden Kontexten zuhause ist. Die kranken, schmutzigen Frauen, Huren und Schlampen, also Prostituierten und promiskuitive Frauen, aber auch Schwule, Lesben und andere sexuell „Abnorme“ wurden in Psychiatrien, Krankenhäuser und Gefängnisse verschleppt und sicherten so das reinliche Selbstverständnis einer bürgerlichen Elite.

Einen Rückfall in dieses Denken können wir uns nicht leisten. Wenn die Agenda heißt, sich für eine sexuelle Kultur einzusetzen und im weitesten Sinne für Befreiung, dann ist das nicht die Befreiung einer bürgerlichen Elite mit „gesundem“ Sex.

Sexarbeit kann ein Ort sexuellen Lernens sein, und Genuss ist heilsam, davon bin ich überzeugt. Ich berate Menschen, begleite aber ganz konkret und praktisch in die Lust oder lasse mich berühren. Intimität öffnet Entwicklung. Das ist grundlegend, auch wenn unsere Arbeitsplätze, Arbeitsweisen , unsere persönlichen Grenzen und Methoden in der Sexarbeit unterschiedlich sind.
Das Magische an Sexarbeit ist für mich, dass die Parameter von Genuss, Heilung, Therapie, Geilheit, Entdecken und Lernen ineinander übergehen können und manchmal kaum voneinander zu unterscheiden sind. Das anarchische Moment, das ich in jeder Session erlebe, der freie Raum, der in der Begegnung zweier Menschen entsteht, wenn sexuelle Kommunikation möglich ist- das ist es, was mich interessiert.Das kann transformativ sein oder meditativ, emotional oder einfach sexy. So ist Sexualität, sie berührt nun einmal viele Facetten des menschlichen Seins.

Diese Anarchie, die dem Sexuellen innewohnt, muss erhalten bleiben. Sex und Intimität lassen sich nicht kontrollieren, das gehört zu ihrem Wesen, und das ist gut so. Das ist beängstigend, und unter anderem deshalb schielen wir auch so ängstlich auf „die Prostituierten“. In diesem scheelen, angeekelten und faszinierten Blick verbirgt sich auch tiefe Angst und Abscheu vor dem Sexuellen. Die Berührungsangst ist natürlich auch eine Klassenfrage; die unfreiwilligen Opfer, mit denen wir pflichtbewusst Mitleid haben, müssen anders sein als wir. Sie kommen von woanders, sie haben mit uns nichts zu tun. Aber vor allem ist es die Angst vor einer verrohten, entgleisten, (weiblichen) Sexualität.

In dieser Mischung aus sexueller Verklemmung und bürgerlichem Dünkel entstehen Bücher wie zuletzt „Rotlicht“ von Nora Bossong. Ein Buch, das unterirdisch schlecht recherchiert ist und schon nach wenigen Seiten langweilt, weil die Aufgeregtheit der Autorin, überhaupt irgendetwas zu sehen, was anders aussieht als ihre Blümchenbettwäsche im heimischen Schlafzimmer, unfassbar auf die Nerven geht.

Wenn wir in dieser Verklemmung verweilen, während wir für sexuelle Befreiung eintreten, wird sich nichts bewegen. Es geht um nichts weniger als um eine sexpositive Kultur.
Dafür braucht es Bekenntnisse. Stigma bekämpfen heißt öffentlich Stellung beziehen und protestieren. Keine opportunistischen Auswege suchen. Es heißt, die Definitionen an sich zu reißen, sich anzueignen und mit neuer Bedeutung zu füllen. Bahnbrechend wie die Slutwalks können wir auf die Straße gehen und stolz verkünden, dass wir tolle, wichtige, anspruchsvolle und glückspendende Arbeit machen – die für ALLE wichtig ist .

Deshalb: „Je suis une travallieur* du sexe“ ! Und Du?
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Bei der Reflexion über das Thema, das mich sehr beschäftigt, war es unmöglich, alle Gedanken in einem Beitrag unterzubringen.

Es folgt also :

Teil2: Genuss, Pädagogik oder Therapie? Über sexuelles Lernen.
schon bald!!
Danke an Ulrike Zimmermann und K.M. für das bewegte Am-Thema-denken und Arbeit am Text sowie auch immerwährende Inspiratorin Mithu Melanie Sanyal , (Zitat am Schluss: “Je Suis…”)

(*) Zitat aus dem ProstSchGesetz, Definition “sexuelle Dienstleistung”

(…)„Mit dem Begriff „Sexuelle Dienstleistung“ wird der Gegenstand des Prostitutionsgewerbes beschrieben. Erfasst sind alle sexuellen Handlungen, die gegen Entgelt vorgenommen werden. Umfasst sind damit alle üblicherweise der Prostitution zugerechneten Formen sexueller Handlungen gegen Entgelt einschließlich sexualbezogener sadistischer oder masochistischer Handlungen, unabhängig davon, ob es dabei zu körperlichen Berührungen oder zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs zwischen den beteiligten Personen kommt. Nicht alle dieser unter den Begriff der sexuellen Dienstleistung fallenden Erscheinungsformen werden im allgemeinen oder milieutypischen Sprachgebrauch durchgängig als „Prostitution“ bewertet. Für die Zwecke dieses Gesetzes und dieser Begründung werden die Ausdrücke „sexuelle Dienstleistung“ und „Prostitution“ gleichbedeutend verwendet.”