Bundesweite Razzien in 62 Bordellen – Kettenrasseln für ein Randphänomen

Über 1500 Einsatzkräfte für 50 Verdächtige, Ergebnis: 100 Festnahmen (Quelle: tagesschau.de)
Der größte Einsatz in der Geschichte der Bundespolizei.
Schon im letzen Jahr gab es eine Großrazzia im Berliner Bordell Artemis ohne nennenswerten Fahndungserfolg. Spätestens jetzt muss die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von derartigen Polizeieinsätzen gestellt werden. Stehen die Kosten und der Aufwand im Verhältnis zu den Ergebnissen? Oder geht es vielmehr um politisches Kettenrasseln?

Bezogen auf die Sexarbeit bewegen sich die Opferzahlen im Promillebereich. Somit ist Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung ein Randphänomen. Das sagen die Zahlen im Bundeslagebild des BKA aus.
Quelle: Bundeslagebild Menschenhandel BKA

Zwang und Ausbeutung sind schwerwiegende Straftaten, unabhängig davon in welcher Branche sie stattfinden. Für Betroffene aus dem Bereich Sexarbeit ist dies besonders schwierig, denn keine andere Branche ist so hoch stigmatisiert. Problematisch sind auch die fehlenden Rechte für Sexarbeitende.
Opferschutzverbände wie der kok fordern seit Jahren mehr Rechte für Opfer von Zwang und Ausbeutung – Repressive Gesetze zum Beispiel gegen Prostitution im Allgemeinen verschärfen die Situation der Betroffenen.
Der kok kritisiert die Fokussierung auf Prostitution/Sexarbeit beim Thema Menschenhandel. Damit wird verschleiert, dass Zwang und Ausbeutung in vielen Branchen stattfindet, unter anderem auch in deutschen Privathaushalten.
Quelle: kok Studie Menschenhandel

Für unseren Berufsverband gilt, dass Sexarbeit nur freiwillig erfolgen kann – alles andere sind Straftatbestände, die geahndet gehören. Als Freiwilligkeit definieren wir, wenn eine selbstständige Entscheidung für die Ausübung der Sexarbeit stattgefunden hat. Die Gründe dafür sind unerheblich, wichtig ist der eigene Wille.

Nachtrag vom 23. April 2018:

In Anbetracht der hessischen Antidiskiminierungsgesetzgebung, einer hessischen Antidiskriminierungsstelle und des hessischen Aktionsplans für Vielfalt ist es jedoch verwunderlich, dass von den transsexuellen Prostituierten in der Presseerklärung der Generalstaatsanwalt als Männer oder “den” Transsexuellen gesprochen wird, um sie nicht als Frauen beschreiben zu müssen. In Thailand gibt es keine Personenstandsänderungsverfahren, wie in in der Bundesrepublik. Faktisch handelt es sich hier um Frauen mit männlichen Papieren. Deutsche Behörden sollten Fingerspitzengefühl im Umgang mit Minderheiten und Randgruppen im Rahmen ihrer Möglichkeiten beweisen, auch, weil sie beispielgebend sind. Wenn ein Sprecher einer Behörde von transsexuellen Frauen als Männern oder “den” Transsexuellen spricht, was noch viel weniger ein regelrechter Personenstand ist, dann muss man sich nicht wundern, wenn es für viele transsexuelle Frauen kaum Platz in der Mitte irgendeiner Gesellschaft gibt und diese stattdessen nicht selten ein Leben von Frauen in Armut und Isolation führen müssen und so leicht Opfer von Ausbeutung werden können.

Menschenhandel und schwere Arbeitsausbeutung von Migrantinnen findet vor allem in Privathaushalten statt

Die Studie ‘Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung und schwere Arbeitsausbeutung von Frauen – ein nicht gesehenes Phänomen?’ des Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (kok) untersucht, ob Frauen und Männer als Betroffene von Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung oder schwerer Arbeitsausbeutung von der Öffentlichkeit, Politik und Behörden in unterschiedlicher Weise wahrgenommen. Dabei wird die Annahme hinterfragt, dass Menschenhandel vor allem mit Prostitution zusammenfällt. Auch schwere Formen der Arbeitsausbeutung oder extrem prekäre Arbeitssituationen können die Schwelle zum Menschenhandel überschreiten.

Es sei kaum im Bewusstsein der Bevölkerung, dass in Deutschland außerhalb der Prostitution massenhaft Menschen ausgebeutet werden. Und während das Sexarbeitsgewerbe zukünftig starken Kontrollen unterworfen sein wird, sind in den anderen Bereichen Arbeitskontrollen in Deutschland schlicht nicht vorgesehen. Schließlich profitieren keine ‘Zuhälter’, sondern Unternehmen und Privathaushalte von den billigen Arbeitskräften.

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung werden Frauen und vor allem Migrantinnen nicht hauptsächlich in der Sexarbeit, sondern vor allem in Privathaushalten als Pflege-, Betreuungs- und Haushaltskräfte ausgebeutet. Daneben spielen auch die fleischverarbeitende und landwirtschaftliche Branche eine beträchtliche Rolle.

Ein Grund warum Frauen eher weniger als Betroffene von extremen Formen der Arbeitsausbeutung wahrgenommen und als solche benannt werden liegt an der (medialen und öffentlichen) Stereotypisierung: ‘Männer = Betroffene von Arbeitsausbeutung und Frauen = Betroffene von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung’.

Ein weiterer Faktor ist, dass gerade Haus- und Familienarbeit nicht als eigentliche Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit verstanden wird, sondern als etwas für Frauen „Natürliches“. Viele Arbeitgeber*innen bzw. Täter*innen sind sich der Ausbeutung der beschäftigten Frauen offenbar nicht bewusst, dabei ist die Arbeit in Privathaushalten von einer Reihe Besonderheiten gekennzeichnet, die Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung und schwere Arbeitsausbeutung begünstigen sowie die Sichtbarkeit von und Zugänglichkeit zu Betroffenen beeinflussen können: Ein Arbeitsplatz (zumeist) ohne Kolleg*innen, Isolation sowie ein enges räumliches und teilweise auch privates Opfer-Täter*innen-Verhältnis – teilweise Stehen die Frauen 24/7 zur Verfügung.

Empfehlungen an die Medien

Medien haben einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung von Betroffenen von Menschenhandel in der Gesellschaft. Um der gängigen medialen Darstellung und Stereotypisierungen, wie Männer = Betroffene von Arbeitsausbeutung und Frauen = Betroffene von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, entgegenzutreten, empfehlen sich Schulungen für Journalist*innen und Redakteur*innen. Eine aktive Kooperation, beispielsweise von Fachberatungsstellen mit Journalist*innenschulen, könnte ein Weg sein. Durch gemeinsame Schulungen könnten Journalist*innen verstärkt dafür sensibilisiert werden, dass Frauen nicht nur von sexueller Ausbeutung betroffen sind, sondern auch in ihrer Arbeitskraft ausgebeutet werden. Auch soll der Blick dafür geschärft werden, dass Ausbeutung von Frauen nicht nur in „frauentypischen“ Berufszweigen stattfindet, sondern auch in Branchen, in denen Frauen gemeinhin weniger vermutet werden.

Der KOK hatte bereits 2013 ein Positionspapier zum medialen Umgang mit dem Thema Menschenhandel verfasst.

Antwort auf die “Eckpunkte zur Bekämpfung von Zwangsprostitution und Menschenhandel” der CDU/CSU

Regelungsinhalte eines neuen Prostitutionsregulierungsgesetzes

Die Unionsfraktion hat einen Maßnahmenkatalog verfaßt, den sie rasch gesetzlich verankern und konsequent umsetzen wollen.
Fast alle Punkte hält der Berufsverband für nicht zweckdienlich.

                                                   Link zum Originaltext:
Regelungsinhalte eines neuen Prostitutionsregulierungsgesetzes der CDU

 

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