Die juten Sitten: Goldene Zwanziger. Dreckige Wahrheiten – Eine Rezension

Dieser Text stammt aus der Feder von Fabienne, aktive Sexarbeiterin und Vorstandsmitglied des BesD.

Anna Basener, Autorin des gefeierten Romans “Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte”, hat es wieder getan:  Mit ihrem Hörspiel “Die juten Sitten” nimmt sie uns mit auf eine Zeitreise in das wilde Berlin der 20er Jahre. Wir treffen Anita Berber, Magnus Hirschfeld, bekommen einen Geschmack der Epoche. Ihre wahren Heldinnen sind jedoch vor allem die Frauen, die sich in Berlins Halbwelt mit einem kleinen Betrieb durchschlagen.

Protagonistin Hedi sitzt in den 50er Jahren im Todestrakt eines Gefängnisses in Hollywood. Sie hat einen Mann umgebracht, scheinbar ohne Grund, warum, will sie nicht sagen. Aber dem Journalisten vor ihr will sie eine andere Geschichte erzählen –   von ihrer Kindheit in Berlin, von (Wahl-)Familie, den Tragödien der Liebe, des Lebens und der Lust.

Hier könnt ihr mal reinhören: Zum Trailer von “Die juten Sitten”

Basener schafft hier wieder das, was viele andere Autor*innen nicht schaffen: Sie nimmt uns mit in den Alltag der Huren, ganz ohne Sensationalismus. Denn Hedi ist im Bordell aufgewachsen, in der “Ritze”, einem kleinen, selbständigem Betrieb in der Mulackstrasse. Ihre Grossmutter leitete den Laden, und betrieb eine kleine Gaststätte. Im Obergeschoss vermietete sie Hurenstuben, unter anderem an Colette – “die schönste Hure Berlins” – und die Domina Natalia.

Wir Hörer*innen werden eingeladen,  den Figuren in ihr “verruchtes” Treiben zu folgen. Und dann, ganz nebenbei, werden die Huren menschlich. Ihre Arbeit und Motivationen nachvollziehbar. Moralische Zeigefinger sucht man in “Die juten Sitten” vergeblich. Stattdessen gibt es gut recherchierte authentische Einblicke in den  Hurenalltag des historischen Berlins. Von der ersten Legalisierung 1927, über polizeiliche und behördliche Korruption bis hin zum herzenswarmen Pragmatismus der Huren.

Ich wünschte mir, jede Autorin, die fiktional über Sexarbeit schreibt, würde sich ein großes Beispiel an Anna Baseners Arbeit nehmen: Ihre Figuren besitzen Tiefe, sind zwiespältig, entwickeln sich. Die tiefgehende Hintergrundrecherche setzt vorurteilsfrei den Rahmen für eine spannende und  tiefsinnige Geschichte (hier geht es zum Audible-Hörbuch auf Amazon).

Ich für meinen Teil nehme mir ein Beispiel an Natalias Trinkspruch und hebe mein Glas: “Auf die Frauen!”

„Revolting Prostitutes“: Eine konstruktive Kritik der modernen Hurenbewegung von unseren britischen Kolleginnen

Diese Rezension wurde von Nadine, unserer Forschungsbeauftragten verfasst:

Dieses Jahr wurden mindestens zwei sehr großartige, wichtige Bücher von Sexarbeiterinnen über unsere praktische sowie politische Arbeit veröffentlichet: „Mein Hurenmanifest“ von Undine de Riviere in Deutschland und „Revolting Prostitutes“ von Juno Mac und Molly Smith in Großbritannien. In beiden Werken wird unter Anderem ausführlich über die Sexarbeitsbewegung in den jeweiligen Ländern erzählt und im zweiten vor allem, die verschiedenen Ansätze des Hurenaktivismus reflektiert. Ich möchte zunächst hinsichtlich meiner eigenen Wahrnehmung und Erfahrung mit Hurenaktivismus in Deutschland, die Ideen von Mac und Smith kritisch kommentieren.

Die Autorinnen sind junge sexarbeitende Aktivistinnen und engagieren sich seit 2009 in der Kollektive Sex Worker Advocacy and Resistance Movement (SWARM) in London. In ihrem Buch wird aus der britischen Perspektive der bisherige Kampf für Sexarbeitsrechte weltweit analysiert und kritisch ausgewertet, anhand von Beispielen von Gesetzesmodellen in verschiedenen Ländern. Im ersten Teil wird die Ideologie des Sexarbeitsaktivismus in Bezug auf die Rolle von Sex und Arbeit in der heutigen Gesellschaft dargelegt. Was die Sexarbeitsbewegungen weltweit gemeinsam haben, ist der Wunsch nach der Entkriminalisierung der Sexarbeit. Aber wie im „Revolting Prostitutes“ klar wird, sind die Ansätze unterschiedlich: Einerseits kann man sich auf die Grundrechte berufen um die Entkriminalisierung der Sexarbeit zu begründen, andererseits kann man sich als reine Arbeiter*innenbewegung präsentieren und die Entkriminalisierung durch das Recht auf mehr Arbeitsrechte als Teilnehmer*innen des Arbeitsmarktes begründen.

Generell vertreten Mac und Smith die marxistisch-inspirierte Meinung, dass Arbeit an sich einen ausbeuterischen Charakter hat und gehen mit diesem Ansatz ihren Aktivismus nach. Außerdem bestehen sie darauf, dass es gefährlich für die Sexarbeitsbewegung sei, mit dem Ansatz zu kämpfen, dass die Sexarbeit einen gesellschaftlichen Wert hätte oder dass die Sexarbeit ein selbstverwirklichender Beruf sein könne. Das würde ihrer Ansicht nach die Erfahrungen der Mehrheit von Sexarbeitenden, die für die Arbeit keinerlei Selbsterfüllung empfinden, sondern lediglich finanzielle Vorteile genießen, vertuschen. Die Bewegung sollte besser auf der arbeitsrechtlichen Schiene bleiben und das als Hauptbegründung für die Entkriminalisierung hervorheben, als sich auf die Grundrechte oder auf Freiheit zu berufen. Warum sich die beiden Ansätze ausschließen müssen wird im Buch leider nicht erläutert. Kann man sich im Kampf für mehr Anerkennung für Sexarbeit nicht sowohl auf die Arbeitsrechte als auch auf die Grundrechte berufen?

Die Autorinnen beschreiben die „Erotic Professionals“ (erotische Profis) als Typ-Aktivistin, die sich gerne auf ihr Recht sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen beruft und das Bild des klassischen „choice feminism“ (freie Wahl-Feminismus) vertritt. Beim Lesen dieser Beschreibung habe ich einige von uns im BesD wiedererkannt, denn viele von uns empfinden eine gewisse Leidenschaft bei unserer Arbeit, auch wenn wir in erster Linie finanziell motiviert sind. Mein Eindruck ist, dass wir das auch bei unseren Presseinterviews und in den Vorträgen, die wir deutschlandweit geben, so ausdrücken. Was ich allerdings problematisch finde, ist der Vergleich der erotischen Profis mit den Abolitionistinnen. Mac and Smith behaupten, dass beide Gruppen die eigentlichen Probleme in der Sexarbeit, nämlich die mangelnden Arbeitsrechte und die oft schlechten Arbeitsbedingungen, vertuschen und stattdessen ein schwarz-weiss Bild von der Sexarbeit propagieren würden, als könnte man nur von glücklichen Huren oder überlebende Opfer sprechen. In dem der Unterschied zwischen selbstbestimmter und nicht-selbstbestimmter Sexarbeit betont wird, würden außerdem erotische Profis dadurch implizit den Ansatz der abolitionistischen Opferhilfe unterstützen, nach dem Motto „Ja, es gibt ein Dunkelfeld, das von Zwang und Ausbeutung geprägt wird und die Betroffenen müssen geholfen werden, aber wir gehören eben nicht dazu.“ Das Argument läuft darauf hinaus, dass wenn wir uns als Sexarbeitsaktivistinnen nicht genug mit dem Thema Menschenhandel beschäftigen, heißt es, dass wir einen Schwamm über die Problematik wischen würden. Das ist glücklicherweise zu kurz gedacht. Der Vorschlag, dass wir uns eindeutiger mit tatsächlichen Opfern von Menschenhandel solidarisieren sollten ist begrüßenswert, aber wenn wir nebenbei auch auf unsere Selbstbestimmungsfähigkeit und unsere Grundrechte hinweisen, heißt das nicht, dass wir das Problem Menschenhandel verharmlosen oder dass wir tatsächliche Opfer übergehen würden.

Die Einstellung, dass Sexarbeit auch eine Berufung sein kann wird als Symptom einer neoliberalistischen Arbeitsethik zynisch eingeordnet. Aber was muss daran so kontrovers sein, Selbstverwirklichung und Erfüllung durch die Arbeit zu empfinden? In unserem Zeitalter und vor allem in der Arbeitsgesellschaft in der wir uns befinden, versuchen wir ja das Beste daraus zu machen und dazu kann doch gerne die Suche nach einer Erwerbstätigkeit, die uns auch ein wenig Freude bereitet, dabei sein. Es muss nicht alles gleich als bedauerliche Reproduktion neoliberalistischer Ideologie abgestempelt werden.

Im letzten Kapitel wird auch über das Ende der Sexarbeit philosophiert, welches die Autorinnen in der Erhöhung arbeitsrechtlicher Standards und vor allem mehr Rechte für Migrantinnen sehen, damit „keine® mehr Sexarbeit machen muss und die Sexarbeit unnötig wird“ (S. 215). Vielleicht hätten sie besser schreiben sollen, damit „keine Arbeit mehr nötig ist und keine® mehr arbeiten muss,“ denn solange das kapitalistische System noch so bleibt wie es ist, in dem der Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen betrieben werden muss um das Lebensunterhalt zu sichern, wird es auch immer das Angebot von erotischen und sexuellen Dienstleistungen geben, unabhängig davon, wie viele Arbeits- und Sozialrechte noch gewonnen werden. Außerdem wird die Nachfrage nach Sex und Erotik auch nicht so schnell verschwinden. Die eigentliche Frage ist, wie Menschen an dieses Bedürfnis oder an dieses Verlangen an sexuellen und erotischen Erlebnissen kommen werden, ob umsonst oder durch Bezahlung. Eine sexpositive Aussicht auf das Ende der Sexarbeit wäre eine Welt in der die Demokratisierung der Lust angestrebt wird, so dass keine® mehr den Sinn darin sehen würde, für sexuelle Dienstleistungen zu bezahlen.

Man darf nicht vergessen, dass der nationale Kontext aus dem die Autorinnen schreiben ein anderer ist als unserer. Auch wenn der Sexkauf und –verkauf nicht verboten sind, werden in Großbritannien leider immer noch Betriebsstätte für sexuelle Dienstleistungen kriminalisiert, was oft schlechte Arbeitsbedingungen und fragwürdige Kundschaft verursacht. Betreiber*innen vermischen sich daher ungerne öffentlich in die Sexarbeitsbewegung und Sexarbeitsaktivistinnen dort erkennen keine gemeinsamen Interessen mit Betreiber*innen, die oft einfach als unterdrückende Kapitalisten gesehen werden. Trotzdem gibt es sehr ähnliche Diskurse innerhalb der deutschen und der britischen Bewegungen, die wir bei unserem Aktivismus reflektieren können. Es ist sinnvoll unser Handeln zu reflektieren und die Bedeutung unserer Ansätze für den Kampf für mehr Rechte zu überdenken. Wir sollten uns aber nicht zu sehr mit diesen Unterschieden beschäftigen, sondern vielmehr die Gemeinsamkeiten unserer Ansätze suchen, um solidarisch zu bleiben.

Zu dieser Rezension hat Mademoiselle Ruby folgenden Beitrag ergänzt:

Also, ich habe ein paar begriffliche Probleme mit dem Beitrag, die ich mal ansprechen möchte. Für all die, die mit der Terminologie rund um dieses Thema Aversionen verbinden, ich kann das gut nachvollziehen, aber finde, wir kommen hier ohne diese Begriffe nicht weiter.

Für mich ist der Ansatz von den Autorinnen nicht “marxistisch inspiriert” sondern hat relativ wenig mit der sozialistischen Interpretation von Arbeit zu tun. Nicht die Arbeit als solche ist das Problem, sondern deren Entfremdung und die Aneignung durch die herrschende Klasse. Wer das verkürzt darstellt, kommt am Ende auch zu so verkürzten Schlussfolgerungen wie anscheinend in dem Buch. Natürlich steht Sexarbeit heute im gesamtgesellschaftlichen Spannungsfeld des späten Kapitalismus und trägt dadurch Züge von Entfremdung, Ausbeutung und hat – ich bleib mal im Slang: einen deutlichen Klassencharakter. Marx und Engels wollten aber auch nicht die (Sex)Arbeit als solche abschaffen, sondern deren repressiven Charakter und ihre Ausbeutung beheben und gesamtgesellschaftlichen Nutzen generieren, über die Klassen- und Ländergrenzen hinweg.

Die Frage nach Sex und Sexarbeit kann in meinen Augen nicht ohne den sozialen Background der Zeit betrachtet werden. In der spätkapitalistischen Gesellschaft sind Zeit, Nähe, zwischenmenschliche Beziehungen und Wohlstand Privileg oder Mangel”ware”. Sex als Ware unterliegt genau den gleichen miesen Konditionen, wie alle Arbeit und ihre Produkte sonst auch, und wird entsprechend gehandelt. Dennoch ist die Sexualität wie auch die Kreativität ein Grundbedürfnis des Menschen, in denen sich, auch das aus marxistischer Sicht, manchmal ein Freiheitsbegriff abbildet, der seiner Zeit weit voraus ist – Stichwort Avantgarde (bitte ohne die Kulturarroganz, die dieser Begriff leider manchmal impetto hat, verstehen). Es bilden sich dort Bedürfnisse und fast schon Utopien ab, die der Mensch denken kann, weil sie möglich sind.

Manchen von uns Sexworkern gelingt eine gewisse Unabhängigkeit von materiellen Zwängen. Folgt man dem Ansatz von Mac und Smith, dann würden diese Repräsentant*innen nicht weiter für Rechte, bessere Arbeitsbedingungen und gegen Entfremdung der Ware Sex eintreten, sondern allein durch ihre privilegierte Stellung die anderen, weniger privilegierten Vertreter*innen verhöhnen. Aber das ist doch gar nicht der Fall. Ich denke, wir müssen offen und realistisch sein, sensibilisiert für die Unterschiedlichkeit der Bedingungen die Sexarbeiter*innen weltweit erleben. Eine klare Perspektive sollte nicht sein, die Rechte von Sexarbeiter*innen von denen anderer Arbeiter*innen abzukoppeln sondern zu verstehen, wieso die Situation so scheiße ist, und welche Faktoren uns verbinden.

Die Gefahr ist immer nur noch realpolitisch zu agieren, und wie die Gewerkschaften auf Nachbesserungen zu drängen, ohne aber das Gesamte in Frage zu stellen. Wenn man das macht, kommt man schnell zu diesem Begriff, den auch Marx und Engels schon benannten: Arbeiteraristokratie (kleinbürgerliche Strukturen, die sich anpassen, und nicht an die Kernfrage ran gehen.
Für mich sind also hier die zentralen Frage: Wie vermeidet die weltweite Bewegung von Sexarbeiter*innen (Sex)Arbeiteraristokratie oder ausschließliche Anpassung an die politischen Strukturen? Wie bleiben wir solidarisch und kultivieren nicht unser Privileg?

Das soll nicht heißen, dass wir keine politischen Forderungen mehr stellen, oder keine Nachbesserungen begrüßen, aber es heißt, dass sich die Sexarbeiter*innenbewegung über Perspektiven Gedanken machen müsste.

Rezension: Fleisch mit weißer Soße von Christian Schmacht

Persönlich würde ich es ja gerne untertiteln mit: ein Berliner Rebellenleben unter der Gürtelinie, aber das würde den vielschichtigen Geschichten, die Schmacht alle naselang anreisst nicht gerecht werden.
Schmacht, Transmann, Berlin ist auch Leonie, sexy Nixe im Meer der Berliner Bordellhuren. In Fragmenten navigieren wir die Tiefen und Untiefen des Berliner Tag- und Nachtlebens, surfen auf Wellen aus Genderdiskurs, Feminismus, Sexworker-Activism, Beziehungen, WG-Leben und Kapitalismuskritik. Wer einen Roman erwartet, ist hier grundfalsch, eine gehörige Portion Voyeurismus versüßt das Lese-Erlebnis aber ungemein.
Wir begleiten Christian und Leonie überall hin: in die WG, ins Bordell, zum Feiern, ein klein bischen in die Vergangenheit aber hauptsächlich in die Banalitäten (?) des Hier und Jetzt.
Beeindruckend wie nüchtern und vielschichtig die Arbeit im Bordell beschrieben wird: ungeschönt, auf den Punkt, nachvollziehbar.
Das ist keine Bordelliteratur, keine skandalisierende Beschreibung von “Hinter den Kulissen”, hier wird nicht vorgeführt oder ans Licht gezerrt. Christian nimmt uns mit in seinen Alltag, beschreibt wirklich tiefsinnig seine Sicht der Dinge, wir dürfen ihn bei seinen Abenteuern begleiten.
Ich habe nur eine einzige Sache am gesamten Buch auszusetzen: Es ist zu kurz. Ich könnte noch 2 weitere Bände weiterlesen.
Meine Empfehlung, für alle, die mal über ihren eigenen Tellerrand hinaussehen wollen und authentische Literatur zu schätzen wissen.

Hier kannst Du das Buch bestellen:

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Rezension: Prostituiertenschutzgesetz Kurzkommentar, Manfred Büttner, Boorberg Verlag

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Wenn Chantal ins Auto flötet
oder: Prostituiertenschutz aus der Feder eines Steuerfahnders

Zum 1.7. 2017 tritt das ProstSchG in Kraft: von Fachfremden begrüsst, von Sexarbeitenden und Fachverbänden verdammt und mit grosser Sorge betrachtet.
Wenige Wochen vorher flatterte mir Werbung für einen Kurzkommentar zum Gesetz in mein Emailpostfach:

“Der Autor hat am Entwurf des Gesetzes mitgearbeitet”, steht da, und: “Seine fachliche Kompetenz fließt unmittelbar in das Buch ein.” So schreibt zumindest die Verfasserin dieser Fachinformation, Bianca Tagliarini.

Autor des Kurzkommentares ist Manfred Büttner, Diplomfinanzwirt, geb. 1965, wohnhaft in Stuttgart, langjähriger Steuerfahnder, Ermittler in Wirtschaftsstrafsachen und Dozent an den Hochschulen der Polizei und der Steuerverwaltung des Landes Baden-Württemberg.

So ist über ihn zumindest im Netz zu lesen. Ja, denke ich mir da, als Steuerfahnder kennt man sich ja aus mit Prostitution. Hat man ja jeden Tag mit zu tun. Ist man also quasi Experte. Ob die Expertise als Freier oder durch langjährige Fahndungstätigkeit erlangt wurde, bleibt auch nach Lektüre des Buches unklar. Darüber schweigt sich Herr Büttner aus.

Auf dem Klappentext steht nur:
“Der Autor hat infolge seiner Beteiligung an Arbeitsgruppen zur Bekämpfung des Menschenhandels am Entwurf des Prostituiertenschutzgesetzes mitgearbeitet.”
Anhand einiger schwer klischeebehafteter Äusserungen des Autors im Buch wage ich aber zu behaupten, dass Herr Büttner wenig bis gar keinen persönlichen Kontakt zu Kolleg*innen und ihren Arbeitsstätten hat. Viele Ideen klingen eher nach sonntagabendlicher Krimiunterhaltung. Dazu aber später mehr.

Zuerst einmal gilt mein Dank dem Boorberg Verlag, allen voran Frau Rau, die mir schnell und unkompiziert ein Rezensionsexemplar hat zukommen lassen.
Das Buch selbst umfasst 226 Seiten, ist brochiert und schon auf dem Einband mit einem typischen klischeehaften Bild versehen:
Der Schatten einer handtaschenbewehrten Frau im Spotlicht in “typischer” Pose dargestellt.  Immerhin ist es kein Bild eines halben wenig bekleideten Frauenkörpers, der sich in ein Autofenster lehnt, keine Grossaufnahme eines Gesäßes auf einem Barhocker, oder rotlackierte Fussnägel in High Heels, die auf regennass glänzendem Asphalt herumstehen. “Aktion Licht ins Dunkel” kommt mir bei dem Bild in den Sinn. Nicht etwa Schutz oder gar Unterstützung.

Das Buch selbst ist übersichtlich gestaltet und hangelt sich an den diversen Paragraphen des ProstSchG entlang. Diese werden zuerst in Fettdruck angeführt, dann folgt für die meisten Paragraphen ein mehr oder weniger ausführlicher Kommentar. Der Übersichtlichkeit halber ist der Text mit fortlaufenden Randnummern (Rdn.) versehen.
Komplettiert wird das Werk durch das persönliche Vorwort, einige Einführungstexte und einen ausführlichen Anhang, bestehend aus diversen Zusatzinformationen, wie dem Muster eines Betriebskonzeptes, Checklisten für das Erlaubnisverfahren, oder besondere Erscheinungsformen wie Flatrate-Bordelle oder Gang Bang.

Praktisch sind die tabellenartig dargestellten Änderungen, bzw. Neuerungen für Prostituierte und Betreiber. Die 3 Grafiken im Buch zu den Übergangsregelungen, dem Zeitschema und der Unterscheidung zwischen gewerblicher und nichtgewerblicher Prostitution hätte man sich auch sparen können. Übersichtlichkeit geht anders.

Sachlich scheint das Buch in Ordnung.

Grundsätzlich ist die Lektüre des Buches nicht verkehrt. Zumeist sachlich legt der Autor seine Kommentierung dar und versucht den manchmal etwas undurchsichtig anmutenden Gesetzestext anschaulich auszulegen. Gerichtsurteile werden zu Rate gezogen, auf ähnliche Argumentationen und Formulierungen in anderen Gesetzen hingewiesen, Begriffe werden definiert. Ein gutes Beispiel dafür ist die Art und Weise der Auslegeung der Zustellanschrift, bzw. der Zustelladresse (S. 59ff).

Für besonders wertvoll halte ich das Muster des Betriebskonzeptes, sowie die Checklisten zum Erlaubnisverfahren. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Listen und das Musterkonzept in vielen Fachberatungsstellen und Amtsstuben, die sich ab dem 1.7. mit den Verfahren herumschlagen müssen, zu Rate gezogen werden.

Äusserst problematisch empfinde ich die unsachlichen Äusserungen, die der Autor immer wieder in den Text mit einfliessen lässt. Seine klischeehafte Einstellung zum Gewerbe wird dadurch überdeutlich. Sexarbeit ist in seinen Augen selten ein selbstgewählter Beruf, Sexarbeitende sind in erster Linie Opfer, hilfsbedürftig oder “rechtlich [eine] häufig wenig versierte Personengruppe” (S. 58, Rdn. 111). Die ablehnende Haltung des Autors zur Sexarbeit wird deutlich.
Zur Abschaffung des Straßenstriches rät der Steuerfahnder gleich zweimal, entweder durch Abschaffung des Straßenstriches durch Ausweitung der Sperrgebietsverordnung (S. 26, Rdn. 19), oder durch persönliche Untersagung: “…sollte regelmäßig die Untersagung der Straßenprostitutionsausübung erwogen werden.”(S.28, Rdn. 22).

Der “Cluster” ist ihm ein besonderer Dorn im Auge. Büttner definiert ihn folgendermassen: “Als Cluster wird im hier relevanten Kontext ein prostitutionsförderndes, regelmäßig parasitäres Umfeld der einzelnen Prostituierten bezeichnet” (S. 5, Rdn. 2), wer und was genau als parasitär oder prostitutionsfördernd gilt, wird nicht näher definiert. Gehören die Kinder der alleinerziehenden Mutter schon zum parasitären Cluster? Oder ist das womöglich diskriminierenden Verhalten von Mitarbeitern des zuständigen Jobcenters schon prostitutionsfördernd?

Nur in Nebenbemerkungen erfährt man, dass der Cluster wohl männliche Stammgäste von Lokalen, in denen der Prostitution nachgegangen wird (S.43, Rdn. 67), meint, oder Prostitutionsgewerbetreibende(S. 69, Rdn. 151), nicht näher bestimmten Einflussnehmende (S.81, Rdn. 181) oder auch keine der vorab genannten Personengruppen (S. 160. Rdn. 366). Der Cluster bleibt nebulös, gefährlich und die Prostituierte muss diesem entzogen werden.

In Büttner’s Universum leuchten die roten Laternen.

Übrigens ist das Gendern nicht Herrn Büttners Stärke. “Aus Gründen der besseren Lesbarkeit” (S. 10, Rdn. 12) sind Prostituierte weiblich und Betreiber, bzw. Freier männlich. Beim Cluster weiss man es nicht so genau, der ist ja sowieso irgendwie dubios. Mann-männliche Prostitution kommt übrigens so gut wie gar nicht vor, und wenn, dann ausschliesslich im schlimmsten Klischee:   Auf Seite 33, Rdn. 38, Beispiel 4 bestellt sich ein Mann einen “Asien-Boy” aus dem Internet. Von den vielfältigen Realitäten, denen mann-männliche Sexarbeitende ausgesetzt sind, ist kein Wort zu lesen. Dafür flötet Chantal dem Freier ins Autofenster (S. 73, Rdn. 160), es leuchten die “roten Laternen” (S. 20, ohne Rdn.) und Prostituierte müssen zur Reflexion über Konsequenzen der Tätigkeitsaufnahme angeregt werden (S. 97, Rdn. 221). Die anhaltende gesellschaftliche Stigmatisierung und durch die Tätigkeit mögliche finanzielle Unabhängigkeit meint Herr Büttner dabei jedoch sicherlich nicht.

Besonders zynisch ist auch die “nette” Formulierung: “Dabei empfindet sicherlich die 40-jährige Domina […] die nunmehr gestzlich verankerte Verpflichtung […] als Zumutung.” (S. 5, Rdn.4). Ja, in der Tat, Herr Büttner, ich, als 40-jährige Domina, empfinde eine eklatante Einschränkung meiner Grundrechte als “Zumutung”. Diese Zumutung wird übrigens gerade vor dem Verfassungsgericht in Karlsruhe geprüft. Mal sehen, ob die Richter diese Grundrechtsverletzung ebenfalls als “Zumutung” “empfinden”. Hurenhierarchie kann man deutlicher nicht darstellen.

Unterm Strich ist der Kurzkommentar lesenswert, einerseits, um sich deutliche Definitionen und Auslegungen aus diesem “Schutzgesetz” zu holen, andererseits um festzustellen, wessen Geistes Kind die Gesetzesmacher sind. Der persönliche Unterton macht überdeutlich, dass es nicht um Schutz, sondern um Zwang, Kontrolle und Entmündigung, vor allem von Frauen, geht.
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